Gabriele Münter - Vase mit zwei Madönnchen

Gabriele Münter - Vase mit zwei Madönnchen - image-1
Gabriele Münter - Vase mit zwei Madönnchen - image-1

Gabriele Münter

Vase mit zwei Madönnchen
Um 1909/1910

Öl auf Leinwand 30 x 40,5 cm Unten links signiert - Im unteren Bildbereich mit einer fachmännisch restaurierten Druckstelle.

Nach eher konventionell arrangierten und bestückten Stilleben erneuert sich Gabriele Münters Repertoire um 1908/1909, wie sich auch Faktur und Auffassung in dieser Werkgruppe ändern. So nimmt sie wie zuerst im "Stilleben mit Klapperpüppchen" Figuren in ihre Kompositionen auf, die bald zum Hauptmotiv werden (Abb. s. Annegret Hoberg (Hg.), Gabriele Münter 1877-1962, Retrospektive, München 1992, S. 33). Die Anregung, Bildwerke in die eigenen Kompositionen zu integrieren, mag von den Werken Gauguins ausgegangen sein, in denen japanische Holzschnitte Bestandteil der Gemälde waren. Die in Münters Stilleben gezeigten Figuren sind dagegen hauptsächlich der christlichen Volkskunst zuzuordnen. Sie und Wassily Kandinsky sammelten seit dem Kauf des Murnauer Sommerhauses 1909 keramische oder geschnitzte Heiligenfiguren und Hinterglasbilder, erwarben sie in regionalen Auktionen in der Gegend von Murnau und auf Kirchenbazaren. Kandinsky brachte auch aus Rußland Figuren mit wie die große "russische" Madonna mit Krone (Barbara Wörwag, in: Ausst. Kat. Gabriele Münter, Bietigheim-Bissingen 1999 (Städtische Galerie), S. 28).
Fortan zählen diese religiösen Volkskunstobjekte zu der Innenausstattung ihrer beider Wohnungen in Murnau und München. "Erst will ich paar Notizen bearbeiten [...] u. dann reizen alle Ecken Stilleben - Mit den Blumen ist es hier so schön! Und der Tisch mit den 17 Madonnen!", schreibt Gabriele Münter an Kandinsky nach Moskau Ende 1910 (ebenda, S. 29). Die gekrönte "russische" Madonna mit dem etwas gespreizt gehaltenen Christuskind verarbeitet Münter in den folgenden Jahren vielfach auch in abstrakter formulierten Kompositionen wie im "Stilleben grau" oder "Russisches Stilleben mit Teekanne", beide 1912 (Abb. s. ebenda S. 116 f.). Einen Höhepunkt in Münters Schaffen bildet das 1911 entstandene "Stilleben mit heiligem Georg", das in dem ersten Almanach des "Blauen Reiter" abgebildet wurde, und das wie der von Kandinsky für diese Ausgabe geschaffene Holzschnitt "Heiliger Georg" ein "Symbol des Kampfes gegen eine im Materialismus erstarrte, alte Welt und des Sieges einer neuen Epoche des großen Geistigen" darstellt (Wörwag, op.cit. S. 24 f., Abb. 22, 23. Siehe Vergleichsabbildung). Diese "Inkunabel des Blauen Reiters" (ebenda, S. 26) zeigt neben dem Hinterglasbild mit dem Georgsmotiv die erwähnte "russische" Madonna wie auch eine kleinere schwarze Madonna mit Kind, im Verein mit weiterer Kleinplastik um eine blaue bauchige Vase vor blau-grüner Wand auf einem braun gedeckten Tisch arrangiert.
Schwarze Madonnen waren zahlreich in der Sammlung von Münter und Kandinsky vertreten, wie einige Stilleben mit größeren Ansammlungen von Madonnenfiguren zeigen (Hoberg 1999, op.cit., Kat. Nrn. 69 f.). Die kleine schwarze Madonna mit blauem Schleier und rotem Untergewand ist als Replik der "Schwarzen Madonna von Niedermünden" in Regensburg in Münters Sammlung dokumentiert (Anne Mockon, Gabriele Münter, Between Munich and Murnau, Busch Reisinger Museum, Yale 1980, S. 43; Rosel Gollek, Gabriele Münter, Gemälde, Zeichnungen, Hinterglasbilder und Volkskunst aus ihrem Besitz, München 1977, S. 139) und bereits in dem um 1909 entstandenen "Stilleben mit Kruzifix" zu sehen (Abb. s. Peter Lahnstein, Gabriele Münter, Ettal 1971, Nr. 7). Ab etwa 1910 ergänzen Hinterglasbilder Münters Arrangements. Mit dem Einsatz von zwei- und dreidimensionalen Bildobjekten werden die Realitätsebenen verunklärt, die Grenzen verschwimmen. Figuren und Bilder nehmen einen geheimen Dialog auf, als ob ihnen eigenes Leben innewohnte.
Das hier angebotene "Stilleben mit zwei Madönnchen" ist bezüglich der beiden auch in den gleichen Farben gekleideten Madonnenfiguren, der blauen Vase und dem blau und braun gestalteten Umraum durchaus mit dem "Stilleben mit heiligem Georg" vergleichbar und mag in unmittelbarem Zusammenhang damit stehen. Aufgrund der Reduktion in der Anzahl der Objekte und ihrer unmittelbaren Nahansichtigkeit in schlicht gestaltetem Bildraum ist bei dem angebotenen Stilleben jedoch von einem früheren Entstehungszeitpunkt auszugehen. Somit ist anzunehmen, daß das "Stilleben mit Madönnchen" die Grundlage für das Georgsstilleben des "Blauen Reiter" darstellt.

Certificate

Unter der Nr. 70 im Archiv der Gabriele Münter und Johannes Eichner-Stiftung im Lenbachhaus München geführt. Wir danken Ilse Holzinger für freundliche Auskünfte

Provenance

Vom Vorbesitzer direkt bei der Künstlerin im Atelier erworben; seitdem in Privatbesitz

Lot 822 Dα

Estimate:
130.000 € - 150.000 €

Result:
141.600 €