Auction 859, , 05.06.2004, 00:00, Cologne Lot 999

Franz Wilhelm Seiwert, Frauenkopf

Franz Wilhelm Seiwert, Frauenkopf, 1919/1920, Auktion 859 Moderne Kunst, Lot 999

Glasierte Tonfigur. Höhe 26,4 cm. Roter Scherben. Mit rotbrauner, metallisch glänzender Lüsterglasur überzogen.

Bohnen 370 mit Abb. (gebrannter Ton, mit eingeritztem Monogramm)

Exhibitions

Frechen 1970/1971, Hoerle und sein Kreis, Kat. Nr. 239 mit Abb.; Köln 1975 (Kölnischer Kunstverein), Vom Dadamax zum Grüngürtel, S. 94/III; Recklinghausen 1989 (Städtische Kunsthalle), Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Kat. Nr. 141; Düsseldorf 1990 (Galerie Remmert & Barth), 10 Jahre Remmert und Barth 1980-1990 - Ausgewählte Werke, Kat. Nr. 181 mit Abb. S. 203; Düsseldorf 2000 (Galerie Remmert & Barth), Im Mittelpunkt: Die Zwanziger Jahre - Ausgewählte Werke zum 20jährigen Bestehen der Galerie, Kat. Nr. 26 mit Farbabb. S. 55

Expressionistischer, abstrakter Frauenkopf, in Form und Ausdruck beispielhaft auf das idealistisch-revolutionäre Menschenbild Seiwerts verweisend, das er in seinen nachgelassenen Schriften, unter dem Titel "Der Kreuzweg des Menschen" in einer Geschichte der Menschwerdung stichwortartig niederschrieb:

"Das Licht vermochte nicht alles Dunkel zu durchdringen. Das Licht war nur möglich weil das Dunkel war. Doch die Dunkelheit wollte Licht werden. (...) das Feuer war nur verschüttet. Der Mensch niedergeschlagen. Es konnte aufflammen. Der Mensch aufstehen. Die französische Revolution. Wieder sah der Mensch den Bruder. Das grosse Gemeinschaftsfest auf dem Marsfelde. Christentum war wieder da. In einem Menschen tönte die neunte Symphonie." (F.W. Seiwert, zitiert nach Uli Bohnen/Dirk Backes, Der Schritt, der einmal getan wurde, wird nicht zurückgenommen, Franz W. Seiwert, Schriften, Berlin 1978, S. 67).

Das Idealistische vermischte sich mit der realen persönlichen Lebenserfahrung, Carl O. Jatho schrieb erinnernd über den jungen, früh verstorbenen Künstler: "Daß Leben Leiden ist, erfahren wir alle; aber diejenigen, deren Leben durch frühe und dauernde Krankheit beschwert wird, erfahren es tiefer. Der Kranke weiß immer um den Tod, weiß, daß natura auch immer mortura ist. Er weiß immer um die heimliche Trauer allen Lebens, um die lacrimae rerum. Zu diesen Wissenden gehörte Franz Wilhelm Seiwert von seinen Kindertagen an. (...) Sah man sich diesem Gesicht gegenüber, so war die Wirkung aus Jugend, Gesundheit und hoffnungsloser Zerstörtheit erschütternd. Er sah wohl unser leises Erschrecken; aber er hatte sich an dies Erschrecken bei den Menschen gewöhnt, und so trug er mit ruhiger Stimme sein Anliegen vor; denn er kam mit einem Anliegen zu uns. Ob er das Vortragshonorar in Gestalt eines Kunstwerks erlegen dürfe, so fragte er; denn er habe es nicht in bar. Und aus einem Zeitungspapier wickelte er eine kleine Tonplastik und stellte sie vor uns auf den Tisch. Es war die geneigte Halbfigur einer Frau. [Bohnen 343] (...) Immer stand bei unseren Vorträgen in der Nähe des Sprechenden, den Zuhörern sichtbar, das leidende Menschenbild, die Plastik aus gebranntem Ton von der Hand des ganz unbekannten Seiwert." (Carl Oskar Jatho, Der junge Seiwert, Erinnerungen, in: Hans Schmitt-Rost (Hg.), hoerle und seiwert, Moderne Malerei in Köln zwischen 1917 und 1933, Eine Monographie, Köln 1952, S. 39).

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