Oskar Kokoschka - Evelyn (Threnody) - image-1

Lot 798 Dα

Oskar Kokoschka - Evelyn (Threnody)

Moderne Kunst  03.12.2005, 00:00 - 04.12.2005, 00:00

Estimate: 250.000 €
Result: 297.500 €

Oskar Kokoschka

Evelyn (Threnody)
Um 1942-1945

Öl auf Leinwand 91,7 x 71 cm monogrammiert

"Wenn sich die frühen Portraits auch ausschließlich mit der Wiener 'fin-de-siècle' Atmosphäre auseinandersetzen, die sich durch Egozentrik auszeichnet, stehen die späteren Werke mehr in Zusammenhang mit der Tradition der Portraitmalerei. Seit der Dresdner Zeit, als Kokoschka an der Akademie Malerei lehrte, wandte er sich den alten Meistern Tizian, Rembrandt, Velázquez, Goya und anderen zu. Er bekräftigte seinen Glauben an ein mimetisches Bild, welches über die äußere Erscheinung hinausgeht und mit Hilfe des Gesichtsausdrucks den Seelenzustand, die Sehnsüchte und Herzensgefühle widerspiegelt. 'Eine Veränderung, die, wirklich oder scheinbar, nur ein Element des Gesichts angeht, (modifiziert) sofort seinen ganzen Charakter und Ausdruck: ein Zucken der Lippen, ein Rümpfen der Nase, die Art des Blickens, ein Runzeln der Stirn. (...) Tatsächlich löst das Gesicht am vollständigsten die Aufgabe, mit einem Minimum von Veränderung im Einzelnen ein Maximum Veränderung des Gesamtausdrucks zu erzeugen'." (Véronique Mauron, Werke der Oskar Kokoschka-Stiftung, Mainz 1994, S. 93)
Über das Gesicht, das mimetische Abbild der dargestellten weiblichen Porträtfigur hinaus, wird die Persönlichkeit, die Geschichte Evelyns durch Assistenzfiguren und eine Bildszenerie porträtiert, die mit ihrer stark fluchtenden Aufteilung der verschiedenen Bildgründe an sog. Weltenlandschaften, wie man sie etwa in Pieter Bruegels Gemälden findet, erinnern. Das Porträt trägt den Untertitel "Threnody", was seinen Ursprung im Griechischen hat und übersetzt "Wehklage" bedeutet. So ist der Kopf Evelyns minimal aus dem enface gedreht, die Linke vage zum Ohr geführt - spätestens seit der englischen Porträtmalerei im 18. Jahrhundert eine Attitüdenformel für introvertiertes, gleichwohl spannungsvolles Lauschen. In dem Zusammenhang mit der "Wehklage" erweist sich möglicherweise auch die idyllisch anmutende Kahnfahrt im Mittelgrund als Überfahrt über den Styx und erweitert so mittels antiker Ikonographie den Bedeutungsradius bis zum Erinnerungsbild - Erinnerung an das Modell oder an den verstorbenen Gefährten.
Im Oktober 1938 hatte Kokoschka Prag zusammen mit seiner späteren Ehefrau Olda Palkovská verlassen und war über Nacht nach London emigriert, wo er, dort und zeitweise in Cornwall und Schottland, auf Auftragporträts angewiesen war. Vergleichbar scheint das um 1944/1945 entstandene Bildnis "Minona" (Wingler 333) auch hinsichtlich eines antikisierenden Kontextes mit seinen Anleihen an eine bukolische Idyllik, welche die Dargestellte in die Rolle einer Flora oder Pomona schlüpfen läßt (vgl. Mauron op.cit. S. 138 mit Abb).
Letztlich eröffnet unser Gemälde, neben dem ein Individuum charakterisierenden Porträt und dem Erinnerungsbild, aufgrund der leuchtenden, ausgesprochen fröhlichen Farbgebung eine weitere Lesart. So werden Assoziationen an die lampiongeschmückte Welt einer Gartenparty geweckt, in deren Mittelpunkt die Darstellung der jungen Frau mit Kind einem Sinnbild friedlichen Mutterglücks gleichkommt. Meisterhaft sind die Farbflächen in freiem gestischen Duktus rhythmisiert, Details zeichnerisch ausgearbeitet - aus wirtschaftlichen Gründen hatte Kokoschka während seiner Zeit in England auf das Medium Farbstift zurückgegriffen. Mit dem angebotenen Gemälde "Evelyn (Threnody)" liegt ein sehr schönes und typisches Beispiel für Kokoschkas in England entstandenes Oeuvre vor.

Catalogue Raisonné

334 Wingler mit Abb.

Provenance

ehemals Sir Edward Beddington-Behrens, London; deutsche Privatsammlung

Literature

Edith Hoffmann, Kokoschka - Life and Work, London 1947, S. 337 Nr. 302 o. Abb. ("1942 - 45, Threnody, Canvas, 71 x 66 cm Coll.: Major Beddington-Behrens"); Michelangelo Masciotta, Kokoschka, Florenz 1949, Tafel LIV; Edward Beddington-Behrens, Look back, look forward, London 1963, S. 169 mit Farbabb.; J.P. Hodin, Kokoschka, London 1966, S. 115

Exhibitions

Tate Gallery, London, private Leihgabe; München 1958 (Haus der Kunst), Oskar Kokoschka, Nr. 117; Düsseldorf 1973 (Christie's); Köln 1986 (Kunsthaus Lempertz), Auktion 618, Sammlung Hans Schröder, 21./22. November 1986, Nr. 25 mit Farbabb.