Auction 891, , 02.06.2006, 00:00, Cologne Lot 794

Max Liebermann, Blumenterrasse im Wannseegarten

Max Liebermann, Blumenterrasse im Wannseegarten, 1914, Auction 891 Lot 794

Öl auf Leinwand 60,5 x 90,8 cm, gerahmt. Unten links rotbraun signiert und datiert M Liebermann 14.

Eberle 1914/12

Provenance

D.P.C. Posthumus Meyjes, Laren (1964); Galerie Norbert Nusser, München; Gemälde-Cabinett Unger, München; Privatsammlung

Exhibitions

Laren 1964 (Singer Museum), Schilderkunst uit La Belle Époque, Kat. Nr. 40 mit Abb.30; Amsterdam 1971 (204. Auktion Mak van Way), Kat. Nr. 321 mit Abb.

Literature

Weltkunst, Jg.XLI, 1971, Heft 18; Holly Prentiss Richardson, Landscape in the work of Max Liebermann, Diss. Brown University, Ann Arbor 1991, Band II., S. 200, Nr. 569

Max Liebermann entschließt sich 1908 zum Kauf eines Grundstücks am Wannsee, denn, so schreibt er am 2. September aus Amsterdam an Hugo von Tschudi: "Habe ich Ihnen schon erzählt, daß wir mit der Idee umgehen, uns in Wannsee anzukaufen, um den langen Sommerreisen zu entgehen? Allerdings wird es mir als Maler schwer werden auf die holländische 3monatliche Badekur in jedem Jahr zu verzichten, aber schließlich ist man auch Mensch u [sic] es ist menschenunwürdig, sich mit 61 Jahren noch in den greulichen hiesigen Hotels herumtreiben zu müssen." (zit. nach: Anna Teut, Max Liebermann. Gartenparadies am Wannsee, München, New York 1997, S. 9)

Er hat Glück und kann noch eines der wenigen übrigen, direkt am See gelegenen Grundstücke erwerben - in den 1880er Jahren hatten sich bereits illustre Familien der Industriellen und Bankiers von Siemens, von der Heydt, Arnhold, Hertz, Hardy u.a., aber auch Künstler und Architekten, angezogen von den Sport- und Freizeitmöglichkeiten, dort niedergelassen und dem bis dahin dörflichen Ambiente etwas großstädtischen Glanz verliehen. Das tatsächlich zunehmende städtische Treiben, dem sich Liebermann in seinem Stadthaus am Pariser Platz, direkt am Brandenburger Tor, ausgesetzt sieht, bestärkt ihn wohl zusätzlich in seinem Wunsch nach einem weiteren, ländlichen Wohnsitz. Denn immer mehr Automobile kreuzen neben der laut klingelnden Straßenbahn den Pariser Platz. Eine halbe Stunde lang habe ein lenkbarer Luftballon über seinem Atelier herummanövriert, schreibt Liebermann an Gustav Pauli: "Und dabei soll der Mensch ruhig malen!" (zit. nach: ebenda). Mit dem Bau des Hauses will er Alfred Messel beauftragen, der in der Nachbarschaft bereits u.a. für den Inhaber der Agfa, Dr. Franz Oppenheim (s. auch Los 795 "Bildnis Franz Oppenheim"), eine neobarocke Villa 1905/1906 errichtet hatte, doch aus Zeitmangel muß Liebermann sich mit dessen Schüler, dem jungen Architekten Paul Baumgarten begnügen. Diesen weist er klar und deutlich an: "Wenn ich hier am Ufer stehe, so will ich durch das Haus hindurch auf den Teil des Gartens sehen können, der dahinter liegt. Vor dem Haus soll eine einfache Wiese angelegt werden, so daß ich von den Zimmern aus ohne Hindernis auf den See sehen kann. Und links und rechts vom Rasen will ich gerade Wege. Das ist die Hauptsache. [...] So - und nun bauen Sie." (zit. nach Teut 1997, op.cit., S. 10)

An die zum See hin gelegene Terrasse schließt sich jedoch nicht unmittelbar ein Rasenstück an, sondern hier sind große Staudenbeete angelegt mit jahreszeitlich und jährlich wechselnder Bepflanzung. Wie gewünscht jedoch gibt es ein klar lineares, geometrisches Wegenetz durch den großen Garten, den Liebermann in späteren Jahren in wechselnden Ansichten variiert zum Motiv seiner Malerei nimmt. Die Villa am Wannsee wird sein Refugium, der Garten gleichsam sein Freiluftatelier.

Bei dem hier angebotenen Gemälde handelt es sich um eine der ersten entstandenen Ansichten von der Blumenterrasse. Der Blick geht Richtung Norden auf die 1910 errichtete Brunnenstele mit der Bronzeplastik des 1902 gegossenen Fischotters von August Gaul (Walther 73. Siehe auch Lempertz Berlin Auktion 886, lot 218), links ein Stück noch vom Gebäude, rechts läge der Wannsee. Weist das Gründstück zwar de facto ein leichtes Gefälle auf - das Haus liegt 2 m über dem Seespiegel -, dient die hier gewählte rasante Ansicht in diagonal verkürzter Perspektive vielmehr der Dynamisierung des Motivs. Wie im Farbrausch scheinen die in haptischer Textur pastos geformten Rabatten gleichsam am Betrachter vorbei zu fliegen, bzw. insinuieren seinen schnellen Schritt. Der Vergleich zu einer vier Jahr später entstandenen zentralperspektivisch ausgerichteten, sehr ruhigen Ansicht desselben Beetes (vgl. Eberle 1918/15) verdeutlicht die ungeheure Dynamik und frische Modernität unserer "Blumenterrasse im Wannseegarten".

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