Else Lasker-Schüler - Jussuf - image-1

Lot 694 D

Else Lasker-Schüler - Jussuf

Auction 905 - overview Köln
02.06.2007, 00:00 - - 900. Auktionen - Moderne Kunst
Estimate: 10.000 € - 15.000 €
Result: 22.610 € (incl. premium)

Pastell- und Ölkreidezeichnnng mit Tusche, mit geprägtem Goldpapier collagiert, auf festem Papier 20,3 x 13,6 cm, unter Glas gerahmt. In der Darstellung unten rechts der Mitte zweifach, in Graphit über schwarzer Tusche (diese teils übermalt), betitelt Jussuf.

VORTEXT FÜR DIE REIHE DER ZEICHNUNGEN
Die Reihe der hier vorgestellten, aus Berliner Privatbesitz stammenden Zeichnungen und Collagen von Else Lasker-Schüler, zeichnen sich durch ihre besondere Schönheit und malerischen Qualitäten aus. In dieser Form sind sie heute rar und selten geworden. Weder signiert noch datiert sind einige Blätter vermutlich frühestens nach 1927 (in den späten 1920er Jahren oder um 1930) entstanden - als die Dichterin und Schriftstellerin für sich ausdrücklich auch als bildende Künstlerin warb und ihr zeichnerisches Werk sich, auch aus Erwerbsgründen, emanzipierte. Andere Arbeiten weisen durch Ausführung und Stil wie auch durch ihre Ikonographie auf eine Entstehung in den 1930er Jahren (1930 - 1935), welches sich mit ihrer Exilzeit in der Schweiz und der ersten Palästina-Reise deckt.
Nicht nur die wundervolle, expressive Farbenpracht der Blätter ist bemerkenswert, typisch sind auch die Motive und die Titelunterschriften der Bilder, meist mehrfach, korrigierend und verstärkend, nachgezogen. Bilder und Texte, Malerei und Schrift, bleiben bei Else Lasker-Schüler eng aufeinander bezogen:
"Meine Handschrift hat als Hintergrund den Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich schreibe deutsch wie hebräisch oder arabisch. Ich denke an der späten Aegypter Fetischkultur; ihnen ging aus dem Buchstaben schon die Blüte auf. [...] Ich schreibe oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern [...] Der einzige Plastiker der Handschrift, den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus - er schrieb Rodins." ("Handschrift", aus "Der Sturm", November 1910, zitiert nach: Ausst. Kat. Else Lasker-Schüler, Schrift: Bild: Schrift, August-Macke-Haus, Bonn 2000, S. 190).
Den phantastischen Wortschöpfungen und Erfindungen der Dichterin entsprechen die märchenhaften, zauberhaften Bildmotive. Sie sind unlösbar eng mit dem Leben, der Biographie Lasker-Schülers und ihrer künstlerischen Stilisierung und Inszenierung dieser Bereiche verbunden. Sie selbst ist bekanntermaßen niemand anderes als der goldene - Prinz Jussuf von Theben - oder der poetische - Blaue Jaguar -.
Als Beispiel für die künstlerische Empfänglichkeit und für die Durchlässigkeit von Traum, Phantasie und Wirklichkeit, für das Durchwirken von Farben und Formen, mag folgende Kindheitserinnerung stehen:
"Ich zählte zwei Jahre. Im vierten lernte ich zum Zeitvertreib von der Gouvernante schreiben. Jedem Buchstaben malte ich ein Tuch um den Hals, da er fror, es war im Winter. Fünfjährig dichtete ich meine besten Gedichte; meine Mutter fand immer die bekritzelten Papierflocken, die mir aus meinem Kleidertäschchen beim Herausholen von Lieblingsknöpfen meiner Knopfsammlung entkamen. Die rettete mich vor meinem kleinen Selbstmord. Ich hatte mich bis dahin so gelangweilt und ich erinnere mich, als ich entschlossen auf den Turm unseres Hauses kletterte, von dem man über die Stadt Elberfeld hinweg noch hinter dem Sauerländischen Gebirge bei lichtem Wetter den Rhein fließen sehen konnte und auf die Menschen herabschrie: 'Ich langweile mich so!' und erst als die vielen vielerlei großen und kleinen blauen, grünen, lila, roten, gelben, weißen Knöpfe ankamen aus den Knopffabriken meiner Heimat, mit der mich meine teure Mutter überrraschte, [...] milderte sich beträchtlich mein Übel. Ich legte Knopf an Knopf, je vier oder fünf, ebenmäßige Reihen in Zwischenräumen auf den großen Tisch und führte dann mein klein Fingerchen über die Knopfreihen der abgeteilten Knopfstrophen. [...] einer der herrlichsten Knöpfe durfte überall liegen, wo er wollte; er war aus Jett, besäet mit goldenen Sternlein und ich staunte ihn an. Er war das Himmelreich meiner Knöpfe und hieß: Josef von Ägypten. So oft neckt man mich mit einem Ausdruck, der sich immer wiederhole in meinen Gedichten. Es ist wahrscheinlich der sternbesäete Knopf." (aus: Ich räume auf! 1925, Wiederabdruck in: Ausst. Kat. Bonn 2000, op. cit., S. 205).