Auction 877, Moderne Kunst, 11.06.2005, 00:00, Köln Lote 949

Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis, Halbfigur nach links, eine Schale und ein Glas haltend

Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis, Halbfigur nach links, eine Schale und ein Glas haltend, 1904, Auktion 877 Moderne Kunst, Lot 949

Öl auf Malpappe, auf Karton 67,3/67,6 x 47 cm aufgezogen, gerahmt. - Rückseitig mit Farbstiften rot über blau mit der eingekreisten Nummer "3." versehen, sie entspricht der von Otto Modersohn 1921 handschriftlich in einem Heft überlieferten Werklistung nach der Ausstellung der im Nachlaß befindlichen Bilder von Paula Modersohn-Becker in der Bremer Kunsthalle 1920 (vgl. Günter Busch/Wolfgang Werner (Hg.), Paula Modersohn-Becker 1876-1907, Werkverzeichnis der Gemälde, Bd. II, München 1998, "Zur Dokumentation des Nachlasses", S. 8).

Busch/Schicketanz/Werner 453

Im handschriftlichen Bilderverzeichnis von Otto Modersohn von 1921

Procedencia

Otto Modersohn, Fischerhude; Philine Vogeler, Worpswede (1921); Kunsthandlung Otto Fischer, Bielefeld (1921); ehemals Sammlung K.O. Lorenz, Bielefeld

Exposiciones

Bremen 1920 (Kunsthalle Bremen), Gedächtnis-Ausstellung Paula Modersohn-Becker, Journal der Bremer Kunsthalle Nr. 637; Hannover 1920 (Galerie von Garvens), Erste Ausstellung. James Ensor, Paula Modersohn-Becker, Alt-Tibetanisches Kunstgewerbe, Kat. S. 7; Hagen 1951 (Karl Ernst Osthaus-Museum), Paula Modersohn-Becker, Kat. Nr. 8; Wuppertal 1954 (Kunst- und Museumsverein, Städtisches Museum Wuppertal), Paula Modersohn-Becker, Bernhard Hoetger, Kat. Nr. 7 o. Abb. ("Margarete Lorentz, Bielefeld"); Bremen 1976 (Kunsthalle Bremen), Paula Modersohn-Becker, Zum hundertsten Geburtstag, Kat. Nr. 110, Abb. 23; Wuppertal 1976 (Kunst- und Museumsverein Wuppertal, Von der Heydt-Museum), Paula Modersohn-Becker zum hundersten Geburtstag, Kat. Nr. 43 mit Abb. S. 43 ("Um 1903/1904"); Bielefeld 1979 (Kunsthalle der Stadt Bielefeld), Aus Bielefelder Privatbesitz, Malerei und Graphik 1900-1945, Ausstellung des Bielefelder Kunstvereins aus Anlaß seines 50jährigen Bestehens, Kat. Nr. 22 mit Farbabb. S. 25

Literature

Gustav Pauli, Paula Modersohn-Becker, Leipzig 1922 (2., erweiterte Auflage), Nr. 2c ("Selbstbildnis, Halbfigur")

"Da die Selbstporträts Modersohn-Beckers gesamtes künstlerisches Werk kontinuierlich durchziehen, können sie mehr noch als jedes andere Motiv ihrer Malerei Aufschluß geben über die einzelnen Stufen ihrer raschen künstlerischen Wandlung. Der Bogen spannt sich dabei von Porträts in der Manier der impressionistischen Pleinair-Malerei bis zu einem Stil, der bereits den konstruktiven Gestaltungswillen verbunden mit einer fauvistischen Farbgebung, erkennen läßt. Allerdings gingen auch ihre frühen Bildnisses schon über einen vordergründigen Realismus und eine reine Selbstdarstellung weit hinaus. Vom ästhetischen Gesichtspunkt standen sie daher den damaligen Anforderungen an ein Porträt vollkommen fern. Ab 1906 schließlich hatte Paula Modersohn-Becker gerade in ihren Selbstporträts eine Entwicklungsstufe erreicht, in der sie die deutschen Kollegen ihrer Generation an malerischer Kraft weit übertraf." (Christa Murken-Altrogge, Die Selbstbildnisse, in: Paula Modersohn-Becker, Köln 1991, S. 72)

Paula Modersohn-Becker hat sich im vorliegenden Gemälde im Vergleich zu den eindringlichen Selbstporträts "en-face" und den späten, heute noch revolutionär empfundenen eigenen Aktdarstellungen, als Halbfigur im Profil und bekleidet wiedergegeben. Ihre charakteristischen Merkmale gibt sie auch hier unverkennbar, die Pose mit den etwas hängenden Schultern, der hier stolz aufgerichtete, gedrehte Kopf mit dem streng gescheitelten Haar, die dunklen Augen sind auf den Betrachter gerichtet. Die Geste der hoch erhobenen Hand und die Attribute von Schale und Becher geben ein klassisch wirkendes Motiv, das anmutet wie eine Reminiszenz aus der langen Tradition abendländischer Malerei, irgendwo meint man es ähnlich schon einmal gesehen zu haben: schön, theatralisch und repräsentativ. Aber diesem Eindruck steht andererseits der völlig unakademische Farbauftrag und die ungeschönte Darstellung ihrer selbst entgegen. Sie ist hier keine Venus, sie ist keine Idealgestalt und hat keinen Bezug zu irgendeinem "Genre".

Die Dimensionen des Bildes, Höhe wie Breite, sind vielmehr durch diese Haltung in genialer Einfachheit und Schlichtheit ausgenutzt und betont. Die breiten Pinselspuren haben als pastose Strukturen ihr Eigenleben und können heute als abstrakte, flächige "Vermalungen" rezipiert werden. Die gewählten Farbtöne erscheinen gedämpft, sehr erdverbunden, bis man hinsieht und erkennt, daß zweierlei eigentlich nicht zusammenpassende Grünwerte im Kleid kombiniert sind: eine auffallende Kontur von stechendem Blaugrün umschließt wie eine Paspellierung das Moosgrün des hochgeschlossenen Kleides.

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