Photographie

ERWIN WURM Bruck an der Mur 1954 N696 OHNE TITEL (AUS: 59 STELLUNGEN) 1992 6 C-Prints auf Aluminium 1999. Jeweils 49,5 x 69,3 cm. Jeweils rückseitig mit Künstleretikett, darauf mit Filzstift signiert und maschinenschriftliche Werkangaben. 6 chromogenic prints on aluminium, printed 1999. Each 49.5 x 69.3 cm. Signed in felt-tip pen and typewritten work details on artist labels affixed to the reverse of each mount. Literatur Literature Edelbert Köb (Hg.), Erwin Wurm. The Artist who Swallowed the World, Ausst.kat. MUMOK Wien, Ostfildern 2006, S. 30f. mit Abbn.; Stephan Berg (Hg.), Erwin Wurm, Ausst.kat. Kunstmuseum Bonn, Köln 2010, S.305-307 mit Abbn. Provenienz Provenance Galerie Krinzinger, Wien; The Margulies Collection, Miami € 20 000 – 25 000 Wie in allen seinen Arbeiten argumentiert Erwin Wurm auch in 59 Positions mit einer paradoxen Überdeterminierung. Er inszeniert eine soziale Abweichung dergestalt, dass sie einerseits als Bild der aussichtslosen Gefangenheit des Ichs in den Codes der Normierungen und Zwänge erscheint und zugleich als befreiende Grenzüberschreitung, die das Moment der Lächerlichkeit nutzt, um sich außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen einen eigenen Platz zu sichern. So ist nie ganz klar, ob das Lachen, das die unbestreitbare Komik dieser Figurenstellungen auslöst, eines ist, mit dem der Betrachter die Pulloverwesen verspottet, oder ob es in Wahrheit uns selbst gilt. Vor diesem Hintergrund betrachtet könnte man zu dem Ergebnis kommen, dass es für das Individuum nur eine einzige Möglichkeit gibt, sich in Erwin Wurms Welt zu behaupten: lächerlich zu werden.“ (zit. nach Stephan Berg, Die Tragödie des lächerlichen Menschen, in: Ders. (Hg.), a.a.O., S. 48f.) “An early example for this complex concurrence of social deformation and alternatively grotesque self-deformation is the important work 59 Positions (1992). With this 60-minute video loop and other similar works from the early 1990s, Wurm’s work – which, above all, was characterised by Minimal and Post-Minimal references – simultaneously turned away from attempts at formalisation and towards a stance emphasised by the antiform, anti-formalism, and an accentuation of the inappropriate, deviant, grotesque, uncanny, and Freudian wit. Wurm himself commented on the developmental step he takes with this work: ‘In the video 59 positions for the first time, I felt I was allowing absurd aspects to enter into my work. Before, I had always held this very high notion of what I was pursuing; I was after the supreme level of art. High art, I thought, is very spiritual, very intellectual, and always so smart. I had always wanted to achieve these ideals, but it never happened.’ […] 59 Positions makes the body disappear by putting it into its second skin, clothing, while deliberately disregarding the conventional logic of dressing. Strange hybrid-beings thus emerge which have tangled themselves in variously coloured pullovers, trousers and other pieces of clothing, squatting like grotesque mythological beings or abstract sculptures in corners and in front of walls, displaying their empty neck, leg and arm cut-outs as dark, staring openings. The entanglement of the individual in the social shell represented by their clothing can almost be felt here. At the same time, however, one also sees the desperate attempt to escape this mantle somewhat through its non-standard use. As in all his works, Erwin Wurm also argues with a paradoxical overdetermination in 59 Positions. He stages a social deviation in such a way that it appears, on the one hand, as an image of the hopeless imprisonment of the self in the codes of norms and constraints, whilst at the same time as a liberating transgression that uses the moment of ridiculousness to secure one‘s own place outside of social conventions. It is therefore never quite clear whether the laugh, which the undeniable comedy of this figural stance triggers, is one with which the viewer mocks the pullover-beings, or whether it is actually directed at us. In view of this background, one could arrive at the conclusion that there is only one possibility for the individual to assert themself in Erwin Wurm’s world: to become ridiculous.” (quoted from Stephan Berg, Die Tragödie des lächerlichen Menschen, in: Stephan Berg (ed.), op.cit., p. 48f.) „Ein frühes Beispiel für dieses komplexe Zugleich von sozialer Deformierung und alternativ-grotesker Selbstverformung liefert die wichtige Arbeit 59 Positions (1992). Mit diesem 60-Minuten-Video-Loop und weiteren ähnlichen Arbeiten aus den frühen 1990er-Jahren wendet sich Wurms Werk, das davor vor allem von Minimal- und Post-Minimal-Referenzen geprägt war, von deren Formalisierungsbestrebungen ab und gleichzeitig einer Haltung zu, welche die Antiform, den Antiformalismus und eine Akzentuierung des Unpassenden, Abweichenden, Grotesken, Unheimlichen und des freudianisch Witzigen betont. Wurm selbst hat den Entwicklungsschritt, den er mit dieser Arbeit vollzieht, kommentiert: ’Bei dieser Arbeit habe ich zum ersten Mal zugelassen, dass absurde Elemente in meine Arbeit einfließen. Zuvor ist es mir immer um die höchstmögliche Ebene der Kunst gegangen. Um eine Hoch-Kunst, die sehr spirituell, sehr intellektuell und sehr elegant ist. Aber so sehr ich mich auch bemüht habe, dieses Ideal zu erreichen, es hat doch nie geklappt.‘ […] 59 Positions lässt den Körper verschwinden, indem es ihn in seine zweite Haut, in Kleidung, steckt und dabei die konventionelle Logik des Ankleidens bewusst missachtet. So entstehen merkwürdige Hybridwesen, die sich in absurden Stellungen in verschieden farbige Pullover, Hosen und andere Kleidungsstücke verknäult haben, die wie groteske Fabelwesen oder abstrakte Skulpturen in Ecken und vor Wänden hocken und ihre leeren Hals-, Bein- und Armausschnitte als dunkle, glotzende Öffnungen präsentieren. Die Verstricktheit des Individuums in die durch seine Kleidung repräsentierte soziale Hülle ist hier förmlich zu spüren. Gleichzeitig sieht man aber auch den verzweifelten Versuch, dieser Hülle durch ihre nicht normgerechte Verwendung ein Stück weit zu entkommen.

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