Dadaismus oder der Sinn des Unsinns

29.01.2018

Ist das Kunst oder kann das weg? Irritationen sind häufig Teil des künstlerische Programms. Deswegen ist es hilfreich, den Ursprung des Unsinns zu kennen: den Dadaismus. Der liefert nicht nur einen Reflexionseinstieg, sondern auch die Deutungshoheit. Denn: Wer dada kann, hat immer Recht, selbst wenn er nie die Wahrheit sagt.

Das Geheimnis des Dadaismus

Wenn Machthaber das Volk dazu bringen, freiwillig in den Krieg zu ziehen und die Menschen diesem Ruf auch noch mit Begeisterung folgen, dann ist das Ende jeder Vernunft erreicht. Auf die Massenmobilisierung des 1. Weltkriegs fanden die Künstler des Dadaismus deshalb eine Antwort: Man muss der Welt mit genau der Absurdität begegnen, aus der sie gemacht ist.

Als Hugo Ball 1916 sein berühmtes Café Voltaire in Zürich eröffnete, war das Publikum entrüstet: Das sollte Kunst sein? Bis dahin hatten die Künste für den bürgerlichen Betrachter das Schöne und Gute verkörpert. Jetzt wollte man ihm weismachen, dass ein Zettel genauso viel wert sei wie ein Gemälde. Das Publikum blieb argwöhnisch: Was hatte es noch mit Tanz zu tun, wenn sich der Tänzer in seinem Kostüm nicht einmal bewegen konnte? Oder Lyrik? Man verstand von den vorgetragenen Gedichten doch kein einziges Wort. Das waren ja nur noch aneinander gereihte Buchstaben. Und was sollte dieses Genre-Chaos überhaupt? War man in einer Galerie, in einem Theater oder doch im Irrenhaus gelandet?

 

Wenn das Publikum derart verwirrt wurde, war die die Strategie von Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Hans Arp oder Sophie Taeuber-Arp aufgegangen. Es war ihr Ziel, dass das Publikum verrückt zu machen, was für sie bedeutete, das etwas nicht mehr am selben Platz war wie bisher. Sie wollten irritieren, aufwühlen, provozieren. Sie wollten Unsinn verbreiten, um die Gläubigkeit an gängige Gesellschaftswerte zu erschüttern. Dafür nutzten sie alle Register des Humors und der Satire.

Dadaismus auf Erfolgskurs

Dadaisten sahen sich selbst nicht als Schöpfer einer neuen Kunstrichtung, schließlich lehnten sie jede Definition ab. Dennoch hatten sie großen Ehrgeiz neue Mitstreiter zu gewinnen. Und so breitete sich das Prinzip, alle Prinzipien so lange durchzukneten bis nur noch Unsinn übrig blieb, von Tokio bis New York auf der ganzen Welt aus. In Deutschland wurde der Künstler Kurt Schwitters aus Hannover ein wichtiger Vertreter des programmatischen Sinn-Verweigerung. Seine Plastik „Tänzer“ changiert zwischen Witz und Grauen, zwischen fröhlichem Tanzbein und Assoziationen an verstümmelte Gliedmaßen. In dieser Ambivalenz steckt Komik, die im gleichen Zuge grausam ist.

Dadaismus- Kurt Schwitters

Kurt Schwitters: „Tänzer“ Gipsplastik und Knochen (?), farbig gefaßt, auf dünner Holzplatte montiert. 78 x 20 x 15 cm.
Schätzpreis: €200.000 - €250.000
Ergebnis: €605.000

In Berlin nahm der Dadaismus mit George Grosz, Hannah Höch oder John Heartfield während der Weimarer Republik eine seiner extremsten Formen an. Hier veröffentlichte Richard Hülsenbeck 1918 sein „Dadaistisches Manifest“. Neben zahlreichen Nicht-Definitionen, bzw. Destruktionen gängiger Kunstbegriffe, forderte er darin unter anderem eine rückhaltlose Auseinandersetzung mit der brutalen Realität.

Dadaismus Hannah Höch

Hannah Höch „Angst“ 
Bis ins hohe Alter kehrte Hannah Höch immer wieder zu der dadaistischen Collagetechnik zurück.
Collage aus verschiedenen bedruckten Papieren 26,4 x 22,3 und Bleistift auf festem chamoisfarbenen Karton 39,4 x 31,3 cm. In der Darstellung unten rechts mit Bleistift signiert und datiert HÖCH 1970
Schätzpreis: €8.000 - €10.000
Ergebnis: €24.990

Die Dialektik des Dadaismus

Aus heutiger Sicht klingt das wenig innovativ, allerdings darf man nicht vergessen, dass die Künstler der damaligen Zeit einer strengen Zensur unterlagen. Die freie Rede als Grundwert einer Gesellschaft musste erst noch erkämpft werden. Statt Beifall drohten hohe Geldstrafen oder Gefängnis.

Wie bei einer selbsterfüllenden Prophezeiung wurde das Manifest gleich nach der Veröffentlichung beschlagnahmt. Was natürlich keinen Sinn machte, schließlich stand darin, dass jeder, der gegen das Manifest sei, selbst Dada sei. Aber welches Dada? Ein wahrer Dadaist oder doch einfach nur ein Schwachkopf? Wer dazwischen keine Grenze mehr sieht, ist auf dem richtigen Weg die Dialektik des Dadaismus zu verinnerlichen.

 

Dadaismus und seine Folgen

Happening, Fluxus, Body Art, Performance – die Liste der Kunstrichtungen, die sich an den Dadaismus anknüpfen lassen, ist lang. Durch ihren Ansatz des think-out-of-the-box ist es den Dadaisten gelungen, den künstlerischen Möglichkeiten eine bis dahin nicht gekannte Freiheit zu eröffnen. Genauso ist es den Dadaisten zu verdanken, dass der Grad der Verstörung positiv bewertet wird. Der Betrachter darf sich erfolglos fragen, was Sinn und Zweck des Vorgeführten ist. Durch dieses irrende Suchen wird er nicht nur in den Rezeptionsraum der Kunst geworfen, sondern kriegt die Möglichkeit sich selbst in Frage zu stellen und damit neu zu erschaffen. Wie das funktioniert lässt sich wohl kaum besser zusammenfassen als mit dem Zitat von Francis Picabia: „Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann.“ Gerade weil durch das Werk, in diesem Fall: den Satz, keine Logik entsteht, muss sich der Verstand neu sortieren, um das Gesagte in einen Kontext zu setzen. 

Dadaismus beeinflusste aber nicht nur spätere Kunstrichtungen. Genauso findet man seinen ästhetischen Fußabdruck in populären Medien wie Film, Musik oder auch der Werbung. Wenn beispielsweise die Popsängerin Lady Gaga in extravaganten Kostümen auf die Bühne tritt, in denen sie sich nicht einmal bewegen kann, liegt die Referenz zu Hans Ball im Café Voltaire mehr als nahe. Genauso wenig ist es Zufall, dass gaga und dada phonetisch wie deskriptiv so nah beieinander liegen.

Marcel Duchamp und der Dadaismus

Der Künstler Marcel Duchamp darf als einer der wichtigsten Wegbereiter des Dadaismus bewertet werden. Durch seinen Ansatz der „Objet trouvé“ oder auch „Ready-Mades“ revolutionierte er den Kunstbegriff auf aberwitzige Weise. Sein Argument lautete, dass ein Kunstwerk nicht mehr geschaffen wird, sondern vom Künstler gefunden. Damit ersetzte er das Kunstwerk mit der Reflexion über das selbige. Diese Umwertung von Bedeutung machte ihn zum Helden der „Anti-Kunst“. Unvergessen bleibt das Werk „Fountain“ von 1917: ein signiertes Urinal, das bei seiner Präsentation einen Medienskandal nach sich zog und letztendlich in die Kunstgeschichte einging.

Dadaismus Duchamp

Marcel Duchamp, Suite d'ombres transparents. Octavio Paz, Marcel Duchamp ou le Château de la Pureté. Suite d'ombres transparents. Octavio Paz, Marcel Duchamp ou le Château de la Pureté
1967. 16 Farbserigraphien in Weiß auf Acetatfolie.
Schätzpreis: €8.000 - €10.000

Auch wenn „Fountain“ das berühmteste Ready-Made ist, das erste ist es nicht. Duchamp erfand das Konzept 1913 mit seinem „Fahrrad-Rad“ und setzte es 1914 mit dem „Flaschentrockner“ fort. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Octavio Paz griff er 1967 beide Objekte nochmal auf, indem er ihre Schatten kombinierte und in einen Siebdruck auf Acetatfolie verwandelte. Um den kompletten Schattenriss beider Plastiken an der Wand zu sehen, muss der in sechzehn Teile zerschnittene Siebdruck wieder zusammen gesetzt werden und entsprechend angeleuchtet. Duchamp reflektiert also  wieder über die existenzielle Frage, ab wann ein Objekt als Kunstwerk gilt und welcher Wert im Zuge der Destruktion entsteht. 

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