Auction 910, Moderne Kunst, 28.11.2007, 00:00, Köln Veilingitem 199

Fernand Léger, Le Village

Fernand Léger, Le Village, 1913, Auktion 910 Moderne Kunst, Lot 199

Gouache 41,5 x 34 cm, unter Glas gerahmt. In der Komposition unten rechts mit dem Pinsel schwarz monogrammiert und datiert F.L. 13. - Auf der Rahmungspappe mit verschiedenen Aufklebern, darunter dem Galerieaufkleber der Galerie Louise Leiris, Paris, mit handschriftlichem Eintrag zu Künsler, Titel, Datierung und Maß sowie numerisch gestempelt "011463"; mit zwei Galerie- bzw. Ausstellungsetiketten der International Galleries, Chicago mit maschinenschriftlichen Einträgen (' "The Village" (Contrast of Forms) 1913') sowie mit einem Ausstellungsaufkleber des Museum Of Modern Art, New York (Museum No. 67.1326) und oben rechts auf kleinem Papieraufkleber mit Leihgabenvermerk. - In farbfrischer, sehr guter Erhaltung.

Wir danken Irus Hansma, Paris, für die Echtheitsbestätigung; die Arbeit ist in ihrem Archiv in Vorbereitung des Catalogue Raisonné der Papierarbeiten von Fernand Léger erfaßt.

Herkomst

Galerie Louise Leiris, Paris (Aufkleber); International Galleries, Chicago; Amerikanische Privatsammlung (1967), seitdem in Familienbesitz

Exposities

Chicago (Mai-Juni) 1966 (International Galleries), Nr. 24 (rückseitiger Rahmungsaufkleber); New York 1968 (Museum of Modern Art), Section d'Or, Nr. 21 (mit rückseitigem Aufkleber)

Die vorliegende Gouache "Le Village" gehört zu der von Fernand Léger in den künstlerisch entscheidenden Jahren kurz vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges entwickelten Bildfolge der "Maisons dans les arbres". Datiert 1913, gehört sie zu den frühesten der Serie und zu dem Höhepunkt seines Werkes in diesen Jahren.

Ähnlich anderen Motivgruppen, den "Contrastes de Formes" oder von "L' Escalier", in denen die Form (Figur und Gegenstand) sowie der Raum eine völlige Umgestaltung erfahren, kommt Léger hier über das gewöhnliche Landschaftsmotiv zu einer eigenständigen Variante des Kubismus und der Abstraktion, die die Vorläuferschaft von Cézanne und die Teilhabe der Impressionisten an der revolutionären Entwicklung nicht leugnet, sondern aufgreift und künstlerisch verwandelt. Wie Léger in einem Vortrag in jenen Jahren betont ausführte ("Die Ursprünge der Malerei und ihren abbildenden Wert", Académie Maria Wassilieff, 5. Mai 1913):

"Der reale Wert eines Werkes ist völlig unabhängig von jeglicher nachahmender Qualität. Diese Wahrheit muß als Dogma anerkannt und als Axiom für das allgemeine Verständnis der Malerei angenommen werden...Der malerische Realismus ist die simultane Anordnung der drei großen bildgestaltenden Grundelemente, der Linien, der Formen und der Farben... Das moderne Konzept ist nicht etwa eine Reaktion gegen die Ideen des Impressionismus, sondern im Gegenteil deren Fortführung und Erweiterung durch die Verwendung von Mitteln, die die Impressionisten vernachlässigten. Das heutige Leben, das zersplitterter und schnellebiger ist als die vorangegangene Epoche, muß als Ausdrucksmittel eine dynamische und divisionistische Kunst hinnehmen; das Gefühl, das Subjekt im volkstümlichen Sinn, sie sind an einen kritischen Punkt angelangt... Das moderne Konzept besteht also nicht in einer vorübergehenden Abstraktion für einige wenige Eingeweihte. Es ist vielmehr der umfassende Ausdruck einer neuen Generation, deren Müssen und Wollen es vollkommen entspricht." (Fernand Léger, zitiert nach: Dorothy Kosinski (Hg.), Ausst. Kat. Fernand Léger 1911-1924, Der Rhythmus des modernen Lebens, Kunstmuseum Wolfsburg/ Kunstmuseum Basel 1994, S. 67).

Der Gouache, der eine Reihe Ölbilder der Jahre 1913/1914 entsprechen, eignet durch ihre spezifische Technik, bei aller rhythmischen Strenge der Abstraktion und der Dichte der gestaffelten und getürmten Elemente, eine betörende Leichtigkeit und lichte Heiterkeit. Die Farbwerte, Grün, Rot, Blau, wenig Gelb und Violett, sind mit feiner Nuancierung durch den Pinsel gesetzt. Das Weiß höht, das schwarze zeichnerische Lineament scheidet. Das geometrisierte, quasi-architektonische Formgebilde entfaltet sich freiräumlich, wie schwebend, auf dem hellen Papiergrund. Einerseits dynamisch schwellend, ruht es doch, als komplexer Organismus zentriert, in sich.

"Légers 'contrastes de formes' zeigen, daß die bildnerischen Elemente so formuliert werden, daß sie wie Kräfte zu wirken vermögen. Kräfte und Gegenkräfte, nach dem Gesetz des Kontrastes verbunden, machen das Bild einem perpetuum mobile vergleichbar, das seinerseits über genügend autonome Energie verfügt, um sich in Gang zu halten, das weniger verbraucht als erzeugt. [...] Légers Bildauffassung ist darin ganz modern, daß er die Realität der äußeren Welt, alles Statische, Quantitative, in Kräfte und Gegenkräfte, in einen energetischen Zustand transformiert. 'Intensität' ist deswegen wie 'Kontrast' ein Leitmotiv des Künstlers gewesen.

Am Gebrauch der Farbe wird Légers Bildkonzept noch deutlicher. Sie war ihm 'Lebensnotwendigkeit' und 'Lebenselement' - was wohl jeder Maler von sich behaupten möchte. Eigentümlich ist dagegen, wie er sie in den 'Contrastes de formes' formuliert. Sie fügt sich nicht dem vorbereiteten Bett der Linien oder Formen, sie stößt sich ab. Von einer Linie, die sie begrenzt, von einer anderen Farbe, von sich selbst. Léger unterbricht die Einheit eines Tones (der z.B. die Geschlossenheit eines Volumens veranschaulichen könnte) - sei es durch trennende Linien oder durch weiße Zwischenzonen, die dem identischen Farbton (einem kräftigen Grün, Rot oder Blau) ein Stakkato mitgeben, wiederum also einen intensivierten Erscheinungswert erzeugen." (Gottfried Boehm, Der Künstler als Homo Faber, Anmerkungen zu Légers 'Modernität', in: Ausst. Kat. Wolfsburg/Basel 1994, op. cit., S. 33 f.)

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