Oskar Schlemmer - Gruppe mit erhobener Hand, Sechs Köpfe

Oskar Schlemmer - Gruppe mit erhobener Hand, Sechs Köpfe - image-1
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Oskar Schlemmer

Gruppe mit erhobener Hand, Sechs Köpfe
1936

Tuschfederzeichnung 47,4 x 33,6 cm Unten links signiert - Mit geringfügigen Alters- und Werkstattspuren und einer kleinen Durchstoßung im oberen Randbereich.

Den freundlichen Ausführungen Karin von Maurs zufolge, steht die Tuschfederzeichnung in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Komplex von Gemälden auf Ölpapier "Figurenkatarakt", "Figuren in Grünblau" und "Blaue Gruppe mit erhobener Hand" von 1935 (v. Maur G 302, 303, 304) und der ebenfalls 1936 entstandenen, detailliert mit unserem Blatt übereinstimmenden, Blaustiftzeichnung "Gruppe mit erhobener Hand, Sechs Köpfe" (v. Maur K 102).
Die menschliche Gestalt im Raum ist das zentrale Thema im Werk von Oskar Schlemmer, Meisterschüler bei Adolf Hoelzel und später selbst Lehrer am Bauhaus Weimar/Dessau und an der Akademie in Breslau. Das Gemälde "Bauhaustreppe" (Karin von Maur, Oskar Schlemmer - Oeuvrekatalog der Gemälde, München 1979, G 267) ist wohl das bekannteste Werk, es befindet sich heute im Museum of Modern Art, New York.
Die räumliche Situation eines Treppenhauses bietet sich an für die gestaffelte variierte Darstellung der menschlichen Figur wie auch bei der vorliegenden Zeichnung "Gruppe mit erhobener Hand, Sechs Köpfe", in der ein Handlauf gerade eben noch angedeutet ist. Nicht die physiognomischen Eigenarten des Einzelnen, sondern vielmehr die unterschiedlichen Ansichten des Bildpersonals - im rechten und im linken Profil, in der Diagonale des verlorenen Profils in Rückansicht, selten enface - sind von Interesse. Ein innerer Zusammenhang der Bildfiguren besteht ebensowenig wie eine Kommunikation untereinander.
Schlemmer äußerte sich dazu: "Ich will Menschen-Typen schaffen und keine Porträts, und ich will das Wesen des Raumes und keine Interieurs." (zit. nach Karin von Maur, Oskar Schlemmer, München 1982, S. 9)
"In dem Geviert des Bildraumes gewinnen Haltung, Stellung, Wendung und Bewegung der Gestalten mit den räumlichen auch eine geistig-seelische Dimension. So werden die Frontal-, die Profil- oder die Rückenansicht bedeutsam für menschliche Grundhaltungen: für das selbstbewußte Gegenübertreten, für das besinnliche Distanznehmen oder für die absolute Abwendung vom Betrachter und Einkehr ins Innere. Das Stehen wird zum 'Durchstehen', das Gehen zum 'Durchgehen' des Raumes, auch in einem existenziellen Sinne." (v. Maur, ebenda, S. 10)
Auffällig ist der Gestus der erhobenen Hand, die sich eigentlich keiner Person zuordnen läßt. Diese Handhaltung ist in der christlichen Kunst dem Pantokrator eigen und Zeichen der Erlösung und Auferstehung Christi. Eine ikonographische Deutung bzgl. der Werke von Schlemmer würde an dieser Stelle zu weit führen; bekannt ist, daß er sich ebenfalls 1935 mit Handstudien beschäftigte (vgl. v. Maur 300/I-III, G 301; bzgl. seiner Religiösität s. Tagebucheintrag bei Karin von Maur, Oskar Schlemmer. Monographie, München 1979, S. 282).
Mitte der 1930er Jahre verschlechterte sich Schlemmers ökonomische Situation - 1933 war ihm gekündigt worden, 1937 wurden seine Arbeiten in der Ausstellung "Entartete Kunst" diffamiert -, was zu einer Einschränkung sowohl im Umfang der künstlerischen Produktion als auch zur Verwendung von Stift und Papier anstelle von Pinsel und Leinwand führte. 1938 lernte er Dr. Kurt Herberts in Wuppertal kennen, aus dessen Sammlung die hier angebotene Zeichnung stammt. Herberts bot ihm u.a. Künstlern wie etwa Willi Baumeister 1940 eine Forschungsstelle in seiner Lack- und Farbenfabrik an, innerhalb derer er sich weiterhin mit Malerei und Lackkunst beschäftigen konnte.

Catalogue Raisonné

Nicht bei Grohmann

Provenance

Ehemals Sammlung Prof. Dr. Kurt und Ursula Herberts, Wuppertal (Inv. Nr. 61/124); Privatsammlung Nordrhein Westfalen

Lot 336 D

Estimate:
40.000 €

Result:
72.000 €