Auction 896, Moderne und Zeitgenöss.Kunst, 29.11.2006, 00:00, Köln Veilingitem 193

Ernst Ludwig Kirchner, Stilleben mit Krügen und Kerzen

Ernst Ludwig Kirchner, Stilleben mit Krügen und Kerzen, 1917, Auktion 896 Moderne und Zeitgenöss.Kunst, Lot 193

Öl auf Leinwand 70 x 60,5 cm, gerahmt. Unten links blaugrün signiert und datiert E. L. Kirchner 17 sowie auf der Rückseite oben rechts mit dem Stempel "NACHLASS E. L. KIRCHNER" (nicht bei Lugt) sowie der mit Pinsel schwarz eingeschriebenen Nachlaß-Nr. "Da/Ac 12" versehen.

Gordon 511

Herkomst

Nachlaß Ernst Ludwig Kirchner; Roman Norbert Ketterer, Campione; Privatbesitz Nordrhein-Westfalen

Exposities

Köln/Zürich 1960/1961 (Wallraf-Richartz-Museum/Kunsthaus Zürich), Meisterwerke des deutschen Expressionismus, Kat. Nr. 32 mit Farbabb.

Literature

Will Grohmann, Ernst Ludwig Kirchner, Stuttgart 1958 mit Farbabb. S. 57

Kirchners Datierung des Gemäldes "Stilleben mit Krügen und Kerze" legt die Entstehung in einer für den Künstler extrem schwierigen Zeit nahe: Ein schweres nervliches und körperliches Leiden, partielle Lähmungen und halluzinatorische Zustände als Folge des Schocks, den die Kriegsereignisse für Kirchner mit sich brachten, gaben 10 Monate lang Freunden und Förderern seiner Kunst Anlaß zu ernster Besorgnis. Die Hoffnung, in der Schweiz Erholung zu finden, erfüllte sich nur langsam, auch weil Kirchner ein schwieriger Patient war; von panischer Angst ergriffen, doch noch wieder zum Kriegsdienst eingezogen zu werden, behinderte er sogar teilweise den Heilungsprozeß und geriet in eine gefährliche Medikamenten- und Drogenabhängigkeit. Weder der Aufenthalt auf der Staffelalp südlich von Davos noch der bei Dr. Binswanger im Sanatorium Bellevue, Kreuzlingen am Bodensee (er erkundigte sich ängstlich, ob das noch auf Schweizer Gebiet läge!) brachten eine Besserung, die sich dann langsam entwickelte, als er das Haus "In den Lärchen" bei Frauenkirch am Fuße der Staffelalp bezog und dem Rat von Ärzten und besorgten Freunden nun mehr Gehör schenkte.

Erst im Oktober 1917 begann Kirchner sich wieder für die künstlerische Arbeit zu interessieren, und wie nicht anders zu erwarten war, erwies sich diese Zwangspause als Zäsur in nichts weniger als seinem ganzen Werk: " 'Entmaterialisierung des Gefühls' wird jetzt höher bewertet als der emotionelle Drang, der die mit solch expressiver Unmittelbarkeit spontan ausgeführten Werke charakterisierte [...] Auch wenn es im Anfang durch die ungelenk drängende Pinselführung der noch schmerzenden Hände verdeckt wird, findet der Schweizer Stil seine 'Extase' schon nicht mehr in der Inspiration des Augenblicks, sondern in sorgfältig kontrollierter (aber dennoch weiterhin sujektiver) Vision." (Donald E. Gordon, Ernst Ludwiog Kirchner, München 1968, S. 118).

Der Aufbau von "Stilleben mit Krügen und Kerzen" mit seiner steilen Komposition in starker Aufsicht, die farbliche Abstimmung auf warme Töne sowie die beruhigte Pinselhandschrift, nicht zuletzt aber auch die Datierung, die möglicherweise von "18" auf "17" eigenhändig korrigiert wurde, geben Auskunft über den ausgeglichenen Zustand des Künstlers und legen eine Entstehung vorwiegend im Jahre 1918 nahe. Hier taucht erneut, diesmal groß im Vordergrund stehend, jener blaue Kerzenhalter auf, der bereits im "Selbstbildnis als Kranker" (1917, Gordon 496) als einzig dekoratives Element neben dem Blick aus dem Fenster ein wenig Normalität und Stabilität in eine sonst unruhige, von perspektivischen Verkantungen und dissonanter Farbigkeit gekennzeichnete Komposition brachte, die seismographisch genau Kirchners zerrütteten seelischen und körperlichen Zustand des Jahres 1917 dokumentierte. Das vorliegende Bild hingegen belegt, daß der Kunstler seine Kräfte wieder sammelt und sowohl in der Komposition wie im Kolorit - und hier spielt der blaue Kerzenleuchter erneut eine belebende Rolle - einen ganz auf vereinfachende, klassische Modernität zielenden Weg eingeschlagen hat gemäß dem eigenen Anspruch, der bedeutendste deutsche Künstler seiner Zeit zu sein.

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