Auction 867, , 04.12.2004, 00:00, Cologne Lot 1249

Pablo Picasso, Saltimbanque et jeune fille

Pablo Picasso, Saltimbanque et jeune fille, 1905, Auktion 867 Moderne Kunst, Lot 1249

Aquarell und Kohlezeichnung auf glattem dünnen Papier, auf Karton aufgezogen 29,7 x 19,2 cm, unter Glas gerahmt. Unten links mit Bleistift signiert Picasso. - Rückseitig auf dem Karton mit dem ovalförmigen Stempel "Galerie KAHNWEILER 28, Rue Vignon, PARIS" und der darin mit Bleistift handschriftlich vermerkten Nr. "1736" sowie auf der Rahmenpappe mit 4 Aufklebern der Galerie Thannhauser, New York, und einem Ausstellungsaufkleber Bern/Barcelona 1992 versehen. - Die obere rechte Ecke mit schwacher Knickfalte, minimal unfrisch.

Zervos 697, Vol. VI (Suppl. zu 1-3), mit Abb. Taf. 85; Daix/Boudaille D.XII. 19, S. 271 mit Abb.

Provenance

Daniel-Henry Kahnweiler, Paris (1925); Justin K. Thannhauser München, Berlin, Paris, New York und Bern; Hilde Thannhauser, Bern

Exhibitions

Bern 1978 (Kunstmuseum), Sammlung Justin K. Thannhauser, Kat. Nr. 31, S. 110, mit Abb. S. 70; Washington D.C. (National Gallery), Picasso - The Saltimbanques, Kat. Nr. 46 b, S. 88, Abb. S. 90; Barcelona/Bern 1992 (Museu Picasso/Kunstmuseum), Picasso 1905-1906: Rosa Periode und Gosol, Kat. Nr. 213, Farbabb. S. 350; München 1995 (Haus der Kunst), Pierrot - Melancholie und Maske, Kat. Nr. 59, Abb. S. 136; Balingen 2000 (Stadthalle), Pablo Picasso - Metamorphosen des Menschen, Abb. 37; Lüttich 2000/2001 (Musée d'Art Moderne et d'Art Contemporain), Picasso, Abb. Nr. 31

Literature

Pierre Daix, Tout l'Oeuvre peint de Picasso, Périodes bleue et rose, Paris 1968, S. 102, Nr. 188, mit Abb.

Zu Beginn des Jahres 1905 stellte Pablo Picasso, der 1904 erst nach Frankreich übergesiedelt und in Paris auf den Montmartre gezogen war, erste neue Gauklerbilder in der Galerie Serrurière aus. Der Kunsthändler Ambroise Vollard, Leo Stein und seine Schwester Gertrude sowie der russische Sammler Schtschukin erwarben Werke von ihm. Picassos finanzielle Situation verbesserte sich daher deutlich. "Trotzdem sind die Gemälde der Rosa Periode keine Illustrationen eines heiteren Abschnitts in seinem Leben. Gewiß, er und eine Schar anderer Künstler trafen sich oft im Lokal des Père Frédé, dem scherzhaft so genannten 'Lapin agile', das schon der vorigen Generation als Ort der Zerstreuung gedient hatte, und es war geradezu Mode, die Vorstellungen des Zirkus Medrano auf dem Montmartre zu besuchen." (Carsten-Peter Warncke, Picasso, Köln 1991, Bd. I., S. 112). Picasso malt Szenen, bei deren Personal es sich nicht um Porträts handelt, obgleich sie auch in dem o.g. Ambiente entstehen. Vielmehr erfaßt er Typen, die über jede Individualität hinaus stilisiert sind, wie Carsten-Peter Warncke es formuliert. (ebenda, S. 114).

Das vorliegende Aquarell "Gaukler und junges Mädchen" von 1905 steht in Zusammenhang mit einer sich heute im Baltimore Museum befindenden Papierarbeit "Clown und junger Akrobat" (vgl. Abb. bei Warncke, op.cit. S.125; Zervos 283, Vol. I). Dabei handelt es sich um die Darstellung desselben Narren im engen Trikot auf einem rechteckigen Kasten sitzend - dort mit einem kleinen bis auf eine kurze Hose unbekleideten mageren Jungen als Assistenzfigur - hier mit einer diademgeschmückten Artistin, die auf dem Boden kauert und bettelnd die Hand ausstreckt.

Das Motiv eröffnet Brüche in mehrerlei Hinsicht. Einmal evoziert der Anblick eines derart beleibten Mannes in einem derart engen Anzug ein gewisses heiter-tragisches Moment, aber das Komische ist ja sein Beruf - schließlich trägt er eine Narrenkappe. Das gekrönte, aber dennoch auf der Erde sitzende Mädchen ist dazu komplementär als Repoussoir zu sehen. Als Bettlerin durch Gestik und Requisiten ausgewiesen, appeliert es an Schaulustige und Passanten, ihnen ein Zubrot zu gewähren - was angesichts der Leibesfülle des thronenden Narren einigermaßen absurd erscheint.

Zum anderen ist aber der Darstellung trotz der komischen und absurden Momente eine Form von distanzierter Würde in der - nicht nur im materiellen Sinn - erfaßten Armut eigen. Die Vielschichtigkeit gegensätzlicher Aspekte, die das größere und weiter ausgearbeitete Blatt in Baltimore nicht aufweist, macht den besonderen Reiz des hier angebotenen Aquarells aus.

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