Auktion 896, Moderne und Zeitgenöss.Kunst, 29.11.2006, 00:00, Köln Lot 194

Ernst Ludwig Kirchner, Stilleben mit zwei Holzfiguren und Blumen

Ernst Ludwig Kirchner, Stilleben mit zwei Holzfiguren und Blumen, 1919/1920, Auktion 896 Moderne und Zeitgenöss.Kunst, Lot 194

Öl auf Leinwand 63,5 x 60 cm, gerahmt. Unten rechts mit schwarzer Tusche auf der getrockneten Malschicht signiert E. L. Kirchner. Rückseitig auf dem Keilrahmen unten links mit einem Etikett des Stuttgarter Kunstkabinetts Roman Norbert Ketterer.

Gordon 563

Provenienz

Sammlung Dr. Frédéric Bauer, Davos; Roman Norbert Ketterer, Campione; Privatbesitz Nordrhein-Westfalen

Ausstellungen

Bern 1948 (Kunsthalle Bern), Paula Modersohn und die Maler der "Brücke", Kat. Nr. 68 a; Nürnberg/ München/ Freiburg/ Mannheim/ Berlin 1952/1953, Ernst Ludwig Kirchner, Gemälde und Graphik der Sammlung Dr. F. Bauer, Davos, Nr. 17; Köln/Zürich 1960/1961 (Wallraf-Richartz-Museum Köln/ Kunsthaus Zürich), Meisterwerke des deutschen Expressionismus, Kat. Nr. 35

Literatur

Das Bild ist zu Lebzeiten des Künstler dokumentiert in einem seiner vier Photoalben, die bei Roman Norbert Ketterer im Kirchner-Archiv aufbewahrt wurden; Wolfgang Henze, Die Plastik Ernst Ludwig Kirchners, Monographie mit Werkverzeichnis, Wichtrach bei Bern 2002, S. 189 mit Farbabb. Nr. 177

Die Expressionismus-Forschung, die sich mit besonderer Sorgfalt um die Deutung der Kunst Ernst Ludwig Kirchners bemüht, hat inzwischen auch der Tatsache Rechnung getragen, daß man in ihm nicht nur einen bedeutender Maler und Graphiker, sondern auch hervorragenden Bildhauer sehen muß.

Die Beschäftigung mit der Stammeskunst der afrikanischen sowie der südostasiatischen Völker Ozeaniens setzte in Europa schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein; besonders den bildenden Künstlern erschloß sich hier eine völlig neue Quelle der Anregung und Inspiration, die nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung der modernen Kunst blieb, wie z.B. die Entstehung des Kubismus eindrucksvoll belegt. Auch die Brücke-Künstler, deren selbstformulierter Anspruch es war, "unmittelbar und unverfälscht" das wiederzugeben, was sie zum Schaffen drängte, sahen in diesen "naiven" Kunstwerken ihnen Wesensverwandtes, und so begannen sie schon früh auch plastisch zu arbeiten: Erich Heckel bereits 1906, Kirchner 1909; wie aus Postkarten, die sie sich gegenseitig zur Information schickten, hervorgeht, beschäftigte sich dieser ausführlich mit den Beständen des Museums für Völkerkunde in Dresden. Was dabei anfangs eher als private Allüre eines Kunstbesessenen verstanden wurde, die Ausschmückung der Atelier- und Lebensräume schon in seinen Dresdner und frühen Berliner Jahren mit selbstgefertigten Stoffen, Möbeln etc., das bekam im Laufe seines Lebens fast die Dimensionen eines Gesamtkunstwerkes.

So jedenfalls kann man besonders den Neuanfang verstehen, den Kirchner nach dem Kriegserlebnis in der Schweiz machte, als er die Einrichtung seines Hauses "In den Lärchen" selbst vornahm und auf der Basis umfangreicher zeichnerischer Vorarbeiten die Möbel dafür selber schnitzte. Mag dabei manches auch dem Anspruch, praktisch und gemütlich zu sein, noch nicht entsprochen haben, so war es doch Ausdruck seines Willens, auch das Äußere seiner künstlerischen Existenz angemessen zu gestalten.

Der überlieferte Titel des vorliegenden Gemäldes läßt die Darstellung von Plastiken vermuten, was jedoch nicht ganz zutrifft. Denn die "zwei Holzfiguren" sind keine selbständigen vollplastischen Kunstwerke, sondern Details eines von Kirchner unmittelbar zuvor angefertigten Möbelstücks ("Stuhl VII. Adam- und Eva-Stuhl I", auch "Sitzbank mit skulptierter Lehne, Mann und Frau" genannt; vgl. Henze 1919/01, Verbleib unbekannt) und dürften - nach Kirchners eigenen überlieferten photographischen Aufnahmen zu schließen - als Rückenlehnen dienende farbig gefaßte reliefartige Schnitzereien gewesen sein.

Die Entstehung als eines der ersten eigenen Möbelstücke ist ziemlich genau dokumentiert. Anlaß war ein Besuch von Helene Spengler, der Frau seines behandelnden Arztes, der er "nicht einmal einen anständigen Stuhl anzubieten" vermochte. "Ich habe mich aber gleich daran gemacht und eine neue Sitzgelegenheit mit Lehne gebaut. In der Art der bemalten Kisten mit zwei Figuren als Lehnen. Nach meinem Gefühl sitzt sich ganz bequem", schrieb er am 12. Februar 1919 an sie (zitiert nach: Wolfgang Henze. Die Plastik Ernst Ludwig Kirchners, Wichtrach bei Bern 2002, S. 188). Diese hoffnungsvolle Feststellung dürfte jedoch eher für den II. Adam- und Eva-Stuhl (Henze 1920/04, ebenfalls verschollen) zutreffen, wie sich nach dem Gemälde "Portrait Manfred Schames", 1925/1932, Gordon 809, heute im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloß Gottorf, Schleswig) vermuten läßt.

Da in dem vorliegenden Gemälde die "Holzfiguren" als interessante Rahmung für ein Stilleben verwendet wurden, ist der Titel, den Donald E. Gordon dem Bild gab, verständlich. Denn hier wird nun der Blick des Betrachters zwischen den Figuren zu zwei Blumenvasen gelenkt, die auf dem dahinter befindlichen Tisch stehen, wie Kirchner das auf einem weiteren Gemälde "Estrichecke; Atelierecke" von 1920 (Gordon 625, Nationalgalerie Berlin) räumlich etwas deutlicher dargestellt hat. In einem Skizzenbuch aus dem Jahre 1922 fand sich zudem eine farbige Tuschfederzeichnung mit einer auf diesem Stuhl sitzenden Frau an einem Tisch (Presler Skb 85, S. 13).

Bilder wie das vorliegende manifestieren den radikalen Wandel in Kirchners Leben und Werk. "Der gute van de Velde schrieb mir heute", berichtete er Helene Spengler in einem Brief vom 3. Juli 1919, "ich sollte doch wieder ins moderne Leben zurück. Das ist für mich ausgeschlossen. Ich bedaure es auch nicht. Ich habe hier ein reiches Feld für meine Tätigkeit, dass ich gesund kaum bewältigen könnte, geschweige denn heute. Die Welt in ihren Reizen ist überall gleich, nur die äusseren Formen sind andere. Und hier lernt man tiefer sehen und weiter eindringen, als in dem sogenannten 'modernen' Leben, das trotz seiner reicheren äusseren Form so sehr viel oberflächlicher ist." (Lothar Grisebach (Hrsg.), Maler des Expressionismus im Briefwechsel mit Eberhard Grisebach, Hamburg 1962, S, 110, zit. nach: W. Henze, Die Plastik Ernst Ludwig Kirchners, Wichtrach 2002, S. 186).

Wie berechtigt diese Selbsteinschätzung des Malers war, beweisen Bilder wie "Stilleben mit zwei Holzfiguren und Blumen". In der Abgeschiedenheit seines Schweizer Refugiums hatte er zu sich selbst gefunden und war sich seines Könnens (und auch seiner Größe) nun ganz bewußt geworden. Die sich daraus ergebende Ruhe und Souveränität drückt sich nicht nur in einer neuen Sicherheit der formalen Bewältigung von Bildmotiven aus, sondern auch in einem gemilderten, jedoch nicht weniger expressiven Kolorit. Rosa, ein nach Violett tendierendes Rot und ein besonderes Blau werden von nun an seine Farbpalette wesentlich bestimmen.

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