Lyonel Feininger - Ohne Titel (Pulu's Easter Egg 1952)

Lyonel Feininger - Ohne Titel (Pulu's Easter Egg 1952) - image-1
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Lyonel Feininger

Ohne Titel (Pulu's Easter Egg 1952)
1952

Öl auf Rupfen 40,5 x 25,3 cm

Lyonel Feiningers erstes Manhattan-Gemälde entstand 1940, 1944 fand die erste museale Retrospektive seines Werkes im Museum of Modern Art statt, 1947 war er Präsident der "Federation of American Painters and Sculptors" - dies sind die späten amerikanischen Wegmarken einer langen künstlerischen Karriere, die 1937 durch die Emigration eine ungewollte, scharfe Zäsur erfuhr.
Nunmehr 81-jährig, malt der Künstler 1952 das vorliegende kleine Meisterwerk, offensichtlich ein Oster-Präsent, in einem smaragd-ähnlichen Grün. Es ist ein geheimnisvoll schimmernder Ton, der zwischen Grünblau, Grüngelb und Türkis changieren kann und der für Feininger so typisch ist. Die Farbe dient ihm hier als räumliche Folie für die gestaffelten Architekturen in Grau-Weiss und Schwarz, die sich in spitzer Geometrie, von den Seiten her, in den Bildausschnitt schieben. Zwischen den verschatteten, vielleicht nächtlichen Fassaden fällt der Blick auf eine unbestimmte Weite, in der ein punktgrosses gelbes Gestirn leuchtet, ein unregelmässiger kleiner Farbfleck mit leicht verschwimmendem Farbhof. Hell und Dunkel sind durch feine Übergänge kontrastiert. Der Farbpinsel tupft leicht auf, intensiviert die Tonwerte, überlagert und schattiert die transparenten Flächen. Die dynamische Asymmetrie der Häuser als Randform findet hingegen eine strenge Verbindung - durch den leeren Raum hinweg - durch linear gezogene Diagonalen; selbst wenn sie unterbrochen werden, spürt man sie als integratives Spannungselement.
Vom Aufbau ähnlich ist etwa der Dreier-Zyklus der 1949 entstandenen "Courtyards I-III" (vgl. UIrich Luckhardt, Lyonel Feininger, München 1998, Nr. 56, S. 160/161 mit Abb.). Sah man dort noch eine Reminiszenz an verwinkelte thüringische Fachwerkbauweise, ist in diesem kleineren Werk jedoch Großstadtarchitektur gemeint. Seit den Pariser Ansichten hat sie Feininger beschäftigt, nach 1937 sind es die neuen "Manhattan"-Darstellungen, die zum Vergleich herangezogen werden müssen (vgl. Hess 398, 399 "Manhattan I" und "II", vgl. Hess 396 "Manhattan, Nacht"). Eine abstrakte Reihung von Rechtecken diente der Darstellung der Etagen. In der zwischenräumlichen Leere der Häuserschlucht tauchte schon 1945 ein "Großstadtmond" auf (Hess 455), der auch in "Pulu's Easter Egg" wieder eine zentrale Rolle zu spielen scheint. Über diese motivlichen Verwandtschaften und Entsprechungen hinaus zeichnet sich "Pulu's Easter Egg" formal-ästhetisch durch eine relative Geschlossenheit und Balance der Gesamtkomposition aus, eine kleine Wiederaufnahme der Strukturen der farblich entrückten Bildarchitekturen der Bauhauszeit.
"Im ersten Stadium der amerikanischen Periode Anfang der vierziger Jahre finden wir Bilder, die als Echo und Ausklang seiner früheren Kunst betrachtet werden müssen. Feininger malte, um seine Identität zu bewahren, sich selbst fand er in seinen Arbeiten wieder. Alle Stufen seines Lebens, von der Kindheit bis zur Gegenwart, leben in seinem Inneren zusammen - fielen sie auseinander, so zerbräche sein Leben. Feiningers Bilder stellen nicht nur die Schaffung seiner Kunst dar, sie enthalten auch die ständige Neuschaffung seiner Person. Er gab sein Leben den Bildern, die Bilder gaben ihm das Seinige. [...] Seine Kunst verdankte er Europa, seinen Charakter Amerika; jetzt im Alter werden die zwei Traditionen seines Lebens zu einer." (Hans Hess, Lyonel Feininger, Stuttgart 1959, S. 143)

Werkverzeichnis

516 Hess

Provenienz

Sammlung Julia Feininger, New York; Marlborough Fine Art, London; Marlborough Galleria d'Arte, Rom (je mit Galerie-Etikett auf dem Rückseitenschutzkarton); Privatbesitz Schweiz

Lot 281 R

Schätzpreis:
160.000 € - 170.000 €

Ergebnis:
193.600 €