Georges de La Tour: La fillete au braisier - Im Gespräch mit Prof. Lindemann

   

Prof. Dr. Lindemann, ehemaliger Direktor der Berliner Gemäldegalerie, über das Werk „Mädchen, in ein Kohlebecken blasend (La fillette au braisier)“ von Georges de La Tour, einer der bedeutendsten Vertreter der Barockmalerei.

Georges de La Tour: La fillete au braisier

Ein spätes Meisterwerk

Mit seinem Mädchen, in ein Kohlebecken blasend (La fillette au braisier) ist Georges de La Tour ein spätes Meisterwerk gelungen. Das knappe Oeuvre von kaum mehr als 48 Werken verleiht diesem Umstand zusätzliches Gewicht, ebenso wie die seltene Signatur, die nur wenige Bilder des Malers ziert. Eine große Zahl von Publikationen und Ausstellungen wie die Pariser Retrospektive im Grand Palais im Jahr 1997 bezeugen eine ungebrochene Wertschätzung für die Kunst des alten Meisters aus Lothringen. Geradezu überschwänglich fallen auch im neuen Jahrtausend die Lobreden aus: Pierre Rosenberg preist die »rustikale Schönheit des Modells«, die »einzigartige Lichtquelle« und die bewusste »Vereinfachung der Formen« und gelangt schließlich zu dem euphorischen Resümee, dass an diesem »kleinen Meisterwerk« einfach alles fasziniere.

Kaum Werke in Privatbesitz

La filette au brasier, das späte und kleine Meisterwerk, befindet sich seit rund 45 Jahren in Privatbesitz – ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, sind doch kaum Bilder von Georges de La Tour in private Hand übergegangen, sondern zumeist in Museen und Galerien zu finden. Das Mädchen, in ein Kohlenbecken blasend aus der Sammlung Bischoff ist das einzige verbleibende Stück aus der späten Schaffensphase des Meisters, das noch auf dem freien Kunstmarkt gehandelt wird – eine echte Sensation.

Worte genügen nicht

La filette au brasier entzieht sich eigentlich jeder Beschreibung, Worte werden dem zeitlosen Genrestück aus Meisterhand nicht gerecht. In kontemplativer Stille der Wirklichkeit und allen Bezügen entrückt, gibt es nur das Mädchen im Profil, wie es auf die Feuerschale blickt. Die sanfte Glut des Kohlebeckens ist die einzige Lichtquelle, die das Bild speist und in dämmriger Wärme nur wenige Details preisgibt. Allein das Gesicht, der Hals und die Brust des Mädchens sind im dämmrigen Schein zu erkennen; der Hintergrund wird vom Dunkel verschluckt, kein schmückendes Beiwerk, kein anekdotisches Detail lenkt ab von der Namenlosen, die ganz in ihre Tätigkeit versunken ist. Stil und Technik wurden oft genug hervorgehoben: Jean-Pierre Cuzin lobte die malerische Brillanz, die sich in ökonomischer Komposition, subtiler Lichtführung und lebensnahem Charme des Bildes manifestierte. Die souverän ausgeführte Glut findet mit wenigen Pinselstrichen ihren Widerschein auf dem Ärmel des Mädchens – ein wirkungsvolles Beispiel für die sparsame Subtilität, mit der Georges de La Tour von seinen malerischen Mitteln Gebrauch machte. Nur hauchzart wird die Hand erhellt, die das Kohlebecken umfasst, während die Kontur des Kopfes nur wenig mehr als ein Schemen ist.

Charakteristisches Spätwerk

Die fein abgestufte Lichtsetzung aus künstlicher Quelle und die Reduktion der figürlichen Darstellung auf einfache geometrische Formen ist charakteristisch für das Spätwerk La Tours. Während Pierre Rosenberg die Entstehung von La fillette au braisier auf das Jahr 1646 datiert, hält Jean-Pierre Cuzin einen Zeitraum von 1646 bis 1648 für möglich; Jacques Thuillier will sich nicht auf eine Zahl festlegen, ist aber fest davon überzeugt, dass es sich um eines der letzten eigenhändigen Werke des Lothringers handelt. Laurent Thurnherr verweist auf eine stilistische Verwandtschaft mit dem im Pariser Louvre zu besichtigende Gemälde des Heiligen Sebastian, von der Heiligen Irene gepflegt, das Georges de La Tour um das Jahr 1649 herum geschaffen hat.

Eine einmalige Gelegenheit

La fillette au braisier ist ohne Zweifel das wichtigste der späten Genrestücke von Georges de La Tour. Die immense Bedeutung des Bildes wie seines Motivs wird nur unterstrichen durch die zahlreichen Kopien, die schon in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Original entstanden und bis heute in Umlauf sind. Gegenstand lebhafter Diskussionen ist die Frage, ob das Mädchen, in ein Kohlenbecken blasend ein passendes Gegenstück besitzt. Pierre Rosenberg hat auf diese Möglichkeit bereits im Jahr 1972 hingewiesen und La Tours Junge, seine Pfeife anzündend als potenzielles Pendant ins Spiel gebracht. Das im Fuji Art Museum in Tokio befindliche Bild besitzt allerdings abweichende Maße und ist zudem mit dem Makel einer ungeklärten Datierungsfrage sowie dem lauten Zweifel an der eigenhändigen Urheberschaft La Tours behaftet – Gründe genug für Experten wie Jean-Pierre Cuzin und Jacques Thullier, der fraglos interessanten These ihres Kollegen zu widersprechen. Gestützt wird diese wiederum durch die Existenz einer Werkstatt-Replik, die in der Tat beide Werke als Gegenstücke behandelt. Die solcherart belegte Zusammenstellung kann allerdings auch eine Konzession der ausführenden Werkstatt an die zunehmende Beliebtheit gerade dieser beiden Motive gewesen sein.

Nicht das erste seiner Art

La fillette au braisier ist im Corpus von Georges de La Tour nicht das erste Bild seiner Art. Mit der Darstellung eines Mädchens oder eines Jungen im Dämmerschein einer künstlichen Lichtquelle hat sich der Künstler schon in den 1630er Jahren beschäftigt. Im Musée des Beaux-Arts in Dijon kann die älteste erhaltene Ausarbeitung dieses Motivs bewundert werden, und in der Forschung gilt als Konsens, dass es weitere solcher Bilder gegeben haben muss. La Tour selbst bezieht sich mit seinem Sujet auf ein klassisches Thema, das ursprünglich aus der antiken Literatur stammt: Plinius der Ältere liefert im 34. Buch seiner berühmten Naturalis historia die Ekphrasis eines Bildes, das den Jungen Antiphilus zeigt, wie er eine Fackel entzündet. Aufgenommen und verbreitet wurde es im nordalpinen Kunstraum von den Caravaggisten, die wiederum das Schaffen von Georges la Tour beeinflussten. Die Interpretation des Lothringer Meisters ist trotz aller Vorbilder genuin und einzigartig, wie der Vergleich mit dem ähnlich gelagerten Jungen, der auf einer Fackel bläst des Utrechter Caravaggisten Gerrit van Honthorst eindrucksvoll zeigt.

Eine wechselvolle Beziehung

Die Aufnahme von La fillete au braisier durch die Kritik ist ein Spiegel der wechselvollen Beziehung, die den alten Meister mit der Kunstwelt verband. Zählt Georges de La Tour heute zu den unbestrittenen Lichtgestalten der französischen Malerei, war er noch im frühen 20. Jahrhundert eine gänzlich unbekannte Größe, seine wenigen erhaltenen Werke des Lothringers wurden anderen französischen, spanischen oder niederländischen Malern zugeschrieben. Erst Hermann Voss zerriss 1915 mit einem kurzen, aber wirkungsreichen Aufsatz den dunklen Vorhang des Vergessens, hinter dem Georges de La Tour über Jahrhunderte hinweg verschwunden war, und in den 1970er Jahren brachten die Arbeiten Pierre Rosenbergs und Jacques Thulliers Licht und Schärfe in den nur zaghaft wiedererschlossenen Kunstraum. Aus diesem Grund gelangten die wenigen erhaltenen Werke La Tours erst spät in den Besitz der bedeutenden Museumssammlungen und blieben dem freien Markt weitgehend vorenthalten. Das Mädchen, in ein Kohlebecken blasend wurde erst 1940 entdeckt und nach intensivem Diskurs von der Fachwelt mit seltener Einigkeit zum Meisterwerk erklärt.

Glänzende Karriere im Dunkel

Einzigartig wie La fillete au braisier gestaltete sich auch die Biografie seines Schöpfers: Georges de La Tour nahm eine singuläre Stellung in der Malerei des 17. Jahrhunderts ein. Er blieb seiner Heimat Lothringen treu und verkehrte kaum an den Fürstenhöfen Europas. Nicht die glanzvollen Kunstmetropolen Paris, Rom oder Florenz boten ihm eine Wirkungsstätte, sondern das provinzielle Lunéville. Ungeachtet dessen ist seine künstlerische Entwicklung einzigartig und stellt die Forschung seit Jahrzehnten vor eine immer neue Herausforderung. Zu dem rätselhaften Dunkel seiner glanzvollen Karriere trägt auch der Umstand bei, dass die durchaus vorhandenen biografischen Daten keinerlei Aufschluss geben über seine künstlerischen Beziehungen, seine Ausbildung, seine Freundschaften, seine Prägung. Die möglichen Früchte seines Aufenthalts in Paris bleiben ebenso verborgen wie sein Verhältnis zu den niederländischen Meistern Hendrick ter Brugghen und Gerrit van Honthorst. War Georges de La Tour jemals in Italien? Fest steht nur, dass das Sammlerpaar Bischoff im Jahr 1975 mit La fillete au braisier ein bedeutendes Nachtstück und eines der letzten Werke eines großen Künstlers erwarb – und das letzte Werk in privater Hand.

© Kunsthaus Lempertz

George de La Tour - Gemälde in der Auktion

Auktion 1168 - Meisterwerke der Sammlung Bischoff

Alte Kunst
Dienstag 08. Dezember 2020, 17:00
Lot 1 - 22
Auktion 1168
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Dienstag, 8. Dezember 2020, 17 Uhr

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