Ernst Ludwig Kirchner - Taunustannen

Ernst Ludwig Kirchner

Taunustannen
1916

Original-Holzschnitt auf chamoisfarbenem leicht genarbten Velin 44,5/47,5 x 33,5 cm (59,1 x 38,3/38,7 cm) Unter Glas gerahmt. Unbezeichnet. Eines neben vier bei Gercken dokumentierten Exemplaren des dritten Zustands. - Im Passepartout-Ausschnitt minimal gebräunt.

Ernst Ludwig Kirchner fährt Anfang Juni 1916 von Berlin in das Sanatorium nach Königstein. Es ist das dritte Mal, das er sich in Behandlung von Dr. Oskar Kohnstamm begibt, einem praktischen Arzt, Neurologen und Psychiater. Auch dieses Mal wird der etwa vierwöchige Aufenthalt auf den medizinische Hilfe suchenden Kirchner beruhigend wirken; es gelingt ihm neben zahlreichen graphischen Arbeiten und Gemälden, intensiv zu arbeiten und das Treppenhaus des Sanatoriums mit Badeszenen auszumalen, "al fresco", direkt auf die Wand. Und Kirchner ist in regem Austausch mit Mäzenen und Gönnern wie Gustav Schiefler, dem Herausgeber des Graphik-Werkverzeichnisses (1. Band), mit Carl Hagemann, Botho Graef und anderen, immer darin interessiert, nicht nur seine Kunst, sondern auch seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Und so versorgt Kirchner Schiefler mit neuesten Blättern, die in Königstein entstehen, etwa "Bahnhof Königstein", "Alte Gasse in Königstein" und verschiedene Versionen von "Taunustannen", die er auf seinen „Pflicht“- Sanatoriumsspaziergängen entdecken konnte. Es entstehen Lithographien, Radierungen oder großformatige Holzschnitte, wie diese in dichtem Schwarz gedruckten "Taunustannen".
Die Provenienz dieser kraftvollen Landschaft aus der „Sammlung C G Heise“ ist aussagekräftig und für Kirchner von Bedeutung. Zurück in Berlin schreibt Kirchner am 12. August 1916 an Schiefler und erkundigt sich nach dem „jungen C G Heise“, der eine Zeitschrift herausbringen wolle. Jede neue Zeitschrift ist für Kirchner interessant, um möglicherweise darin seine Arbeiten und später auch seine unter dem Pseudonym Louis de Marsalle geschriebenen Texte publizieren zu können. Der junge Kunsthistoriker Carl Georg Heise beginnt seine Museumskarriere zu dieser Zeit als Assistent an der Hamburger Kunsthalle unter Gustav Pauli und wird 1919, bevor er als Direktor das St.-Annen-Museum in Lübeck übernehmen wird, Genius. Zeitschrift für werdende und alte Kunst herausgeben. Und natürlich wird Kirchner diesen vielversprechenden Kontakt intensiv pflegen und Heise für sich und seine Kunst begeistern.

Werkliste

Gercken 790 III (Bd. 3); Dube H 298 (Bd. 2); Schiefler H 249

Provenienz

Sammlung Carl Georg Heise, Hamburg; seitdem Familienbesitz

Lot 316 Dα

Schätzpreis:
20.000 € - 30.000 €