Marc Chagall - Peintre devant chevalet - image-1

Lot 640 Dα

Marc Chagall - Peintre devant chevalet

Auktion 882 - Übersicht Köln
03.12.2005, 00:00 - Moderne Kunst
Schätzpreis: 150.000 € - 160.000 €
Ergebnis: 232.050 € (inkl. Aufgeld)

Tempera, Tusche und Bleistift auf weiß grundierter Hartfaserplatte 41,1 x 32,1 cm, unter Glas gerahmt. Unten rechts schwarz signiert und datiert Chagall [unterstrichen] 1981 sowie rückseitig nochmals signiert, datiert und bezeichnet Tempera/Chagall [unterstrichen]/ 1981. - Rückseitig auf der Platte unten links mit dem runden Stempel eines Züricher Händlers für Malereibedarf.

Die für das Spätwerk auch im Medium charakteristische Malerei zeigt eines der bevorzugten Themen des Oeuvres: der Künstler sitzt im roten Rock vor der Staffelei, umgeben von den wie traumverloren schwebenden Elementen seiner Phantasie, in der Rechten die Palette mit den bunten wie spielerischen Tupfen leuchtender Tempera, die - so weist er selbst mit der Linken auf das "Bild im Bild" - auf dem bräutlichen Liebesmotiv der Staffelei wiederkehren. Der dominante blaue Grund und die wässerige Substanz der ohne feste Konturen aufgetragenen Farbe unterstreichen den erscheinungshaften, poetischen Charakter des Bildgegenstands. Vergangenheit und Gegenwart eines langen Lebensweges vermischen sich mit den zeitlosen und intensiven Wünschen und Vorstellungen der Gefühlswelt.
"Die Dichter verdanken ihm viel" - hatte André Breton geschrieben. "Heute vermag man das Werk Chagalls richtiger einzuordnen. Der explosionsartige Durchbruch des lyrischen Elements erfolgte 1911. Und mit diesem Datum - und allein dank Chagall - hielt die Metapher ihren triumphalen Einzug in die moderne Malerei. Die schon in Arthur Rimbauds Dichtungen angebahnte künstlerische Umkehrung der Raumebenen und die Auflehnung gegen die Abhängigkeit der Geschöpfe von Schwerkraft und Naturgesetzen findet bei Chagall sogleich einen schöpferischen Ansatzpunkt im Traumbild und zugleich im intensiv sinnenhaften Eindruck. Eine bezwingende Magie geht von seinen Bildwerken aus, deren zauberhafte prismatische Farben die quälenden Spannungen des modernen Menschen auflösen und verwandeln, wobei die ursprüngliche Unbefangenheit demgegenüber bewahrt bleibt, was in der Natur dem Prinzip der Freude Ausdruck verleiht: den Blumen und den Zeichen der Liebe." (Zitat in: Hommage à Chagall, XXe Siècle, Paris 1969 (dt. Wiesbaden 1976), S.12).
Die unermüdliche Wiederholung und Variation dieser Bildwelt Chagalls, von der Frühzeit bis in die späten Jahre des 20. Jahrhunderts, bleibt dabei ein künstlerisches Phänomen: "Ein so außergewöhnliches Kunstschaffen, das sich jedem Zusammenhang mit unserer Epoche und jeglicher Einordnung in eine Kategorie entzieht, Kunsttheorien und formalen Experimenten fernbleibt, mag anachronistisch erscheinen - wie alle Prophetien, bei denen Anfang und Ende zusammen in einem einzigen Symbol gesehen werden: der Dauer.
Die Zeit hat Chagalls Kunst nichts anhaben können, deren unverwelkliche Frische und ein wenig märchenhafter Zauber über die uns gesetzten Grenzen hinauslocken, ja zuweilen eine Art Wachtraum zu suggerieren vermögen. [...] Vielleicht war Chagall der erste Expressionist. Auf jeden Fall hat er Dada und Surrealismus vorweggenommen; er hat auch nicht die Psychonanalyse abwarten müssen, um das Unbewußte zu entdecken." (Camille Bourniquel, Der Meister des Imaginären, in: Hommage à Marc Chagall, op. cit. S. 20/21).

Provenienz

Pierre Matisse Gallery, New York (1983); deutsche Privatsammlung