Prunkvase mit Bildnissen zweier Kaiser

Prunkvase mit Bildnissen zweier Kaiser

Porzellan, blauer Unter- und farbiger Aufglasurdekor, weißes Reliefemail. Reliefierte Vergoldung. Modell 307, Duft-Vase mit Deckel. Zweiteilig gebrannt und verschraubt, zugehöriger Deckel belegt mit Rosenblüten, zwei plastische, naturalistisch staffierte Widderköpfe als Handhaben. Ovale Rocaillenrahmen, umwunden von Lorbeer, Schilf, Eichen- und Blütenzweigen. Die Porträts von Wilhelm I. und Wilhelm II. unter der deutschen Kaiserkrone, jeweils unten bezeichnet durch goldreliefierte Ligaturmonogramme. Blaumarke Zepter mit unterglasurblauem K darüber, rote Reichsapfelmarke, Presszeichen 4, I. und M. Kleine ältere Restaurierungen über Chips an den Blüten. H 65,5 cm.
Berlin, KPM, 1888.

Die Vase lässt sich präzise datieren durch einen beigelegten Brief Otto von Bismarcks, den dieser im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. am 26. Oktober 1888 verfasst hatte. Mit diesem Brief bedankt sich der Reichskanzler beim Hamburger Senatssekretär Dr. Roelofhs für seinen Einsatz bei der Anbindung der Hansestadt an den Zollverband. Er sollte die Vase als "bleibendes Zeichen der Erinnerung" erhalten.

Nostalgie und Fortschritt

Die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs im geschichtsträchtigen Versailler Spiegelsaal, 1871, markierte den Zenit einer historisierenden und nostalgischen Rückbesinnung in der Architektur, der bildenden und dekorativen Kunst. In der architektonischen Umgestaltung des kaiserzeitlichen Berlins orientierte man sich an Paris und der napoleonischen Veränderungen durch den Architekten und Präfekten Georges-Eugène Haussmann. Renaissance-, Rokoko- und Barockformen, wie sie auch schon während der Wiener Stadterneuerung unter Joseph I. durch Gottfried Semper Verwendung fanden, traten nun auch in Berlin die Nachfolge der strengen Formenwelt Karl Friedrich Schinkels und seiner Zeitgenossen an.
Ein besonders aussagekräftiges Beispiel für jene Zeit stellt die höchst dekorative Prunkkanne im Renaissance-Stil einer vegetabilen Majolikaform nach italienischem Vorbild dar, welche, komplett ausgeführt in Biscuitporzellan, das Bildnis der Kaiserin Augusta, Gemahlin Wilhelms I., ziert (Lot 329).
Trotz einer guten Etablierung der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin auf dem Weltmarkt, die durch Teilnahmen an Weltausstellungen seit 1851 nunmehr manifestiert wurde, entwickelte sich dennoch ein steigendes Konkurrenzdenken für Techniken und Formen zwischen den großen international agierenden Porzellanproduzenten.
Mit der Kritik des sogenannten „Berliner Protokolls“ von 1878, einer vom preußischen Abgeordnetenhaus einberufenen Kommission zur Begutachtung der KPM aufgrund des ansteigenden Konkurrenzdruckes im internationalen Vergleich der Weltausstellungen, suchte man sich nun vom beherrschenden Historismus zu lösen und den Weg hin zu Aufschwung und neuartigen Dekoren.
Die Einführung der chemisch-technischen Versuchsanstalt im gleichen Jahr unter der Leitung des Chemikers Dr. Hermann Seger, ermöglichte der KPM eine systematische Hinwendung zu neuen keramischen Techniken, die sich in leuchtenden, kristallinen und modernen Glasuren auf einer neuartigen Porzellanmasse (dem sog. Segerporzellan) darboten.
Als Weichporzellan mit einem deutlich niedrigeren Brennpunkt, ermöglichte der Scherben neue Möglichkeiten der Bearbeitung, insbesondere in der Nutzung farbiger Unterglasuren, die seit den Anfängen der Porzellanproduktion im 18. Jh. immer noch technische Probleme bereitet hatten.
Inspiriert von asiatischen Keramiken entstehen unterschiedliche Kunstglasuren. In farbenprächtigem Ochsenblutrot, dem sog. sang de bœuf, in polychromen Kupferoxidfarben im Verlauf und mit dekorativem Krakelee-Effekt oder schillernde Kristallglasuren, die durch ein Übermaß an farbgebendem Metalloxid durch eine langsame Abkühlung zufällige Oberflächenmuster bilden ( Lots 362 - 368) - es ergibt sich eine riesige Fülle individueller Gestaltung, die von der industriellen Fertigung wenig ahnen lässt.
An ein Abwenden von den alten immer noch beliebten Formen und Modellen des Rokokos und Klassizismus war jedoch nicht zu denken (Lot 331, 341, 348). Der Geschmack des Kaisers war konservativ und tonangebend.
Unter der Leitung des Porzellanmalers Alexander Kips, entwickelte man jedoch eine neuartige Malerei, angelehnt an die hochgefeierte Blumenmalerei der Manufaktur, die in den Auftragsbüchern der KPM als „Blumenmalerei in alter Manier“, „feine alte Blumen“ oder „feine alte Blumenbouquets“ benannt wird, und bezeichnete diese von nun an als „Neuberliner Blumenmalerei“. Seit dem späten 20. Jh. ist sie allgemein als Weichmalerei bekannt und präsentiert sich in einer der feinsten Ausführungen auf der hier gezeigten Prächtigen Deckenkrone (Lot 333).
Das letzte Kapitel manifestiert nunmehr die reiche Form- und Dekorvielfalt einer Manufaktur im Umbruch, auf der Suche nach einem einheitlichen Geschmack, welcher jedoch aufgrund politischer sowie wissenschaftlicher Veränderungen und Fortschritte keine Einheitlichkeit bieten konnte.

Provenienz

Seit 1972 im Besitz einer rheinischen Familie.

Literaturhinweise

Zur Form s. Ponert, Berlin 1985, Nr. 134. Eine ähnliche Vase mit Porträt Wilhelms II. bei Köllmann/Jarchow, Bildband, München 1987, Nr. 566.

Ausstellung

100 Jahre Kaiser-Friedrich-Halle im Museum Schloss Rheydt, Mönchengladbach, Oktober 2003 - Februar 2004.

Lot 332 Dα

Schätzpreis:
15.000 € - 18.000 €

Ergebnis:
17.500 €