Rudolf Schlichter - Scala

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Rudolf Schlichter

Scala
Um 1926

Aquarell, Gouache und schwarze Kreide auf leichtem Karton mit Trockenstempel "SCHOELLERSHAMMER" 64,8 x 49,8 cm Unter Glas gerahmt. Unten rechts mit Bleistift signiert 'Rudolf Schlichter'. Rückseitig in Sütterlin betitelt 'Nutten' und von fremder Hand datiert "1920" sowie mit dem Nachlass-Stempel "NACHLASS R. SCHLICHTER" (nicht bei Lugt), dort handschriftlich nummeriert "B 179". - Das Papier gebräunt mit schmalem Lichtrand; die Darstellung farbfrisch erhalten.

"Oft möchte man vor Schlichters Aquarellen sagen: Bilderbogen für Erwachsene! (...) Da es echte Bilderbogen sind, so kommt es vor allem auf den Schnitt der Modekleider an. So trug man sich also! Soll es einmal heißen. Das Kostüm ist wichtig: der Mensch darunter, selbst in solcher Zeit, nebensächlich. Wir sind alle Kleiderträger. Die Herrschaft der Uniformierten wird soeben erst beseitigt. Man gebe gut acht: Schuhe der Damen sind wichtig. Ein erotisches Moment." - dies ein treffender Kommentar Theodor Däublers zu den Arbeiten Schlichters im Jahr 1921 (zit. nach: Ausst. Kat. Rudolf Schlichter, Tübingen/Wuppertal/München 1997/1998, S. 22). Die 1920er Jahre in Berlin sollten für den Zeichner und Maler biographisch wie künstlerisch einen kumulativen Höhepunkt darstellen: Schlichter schloß sich der Kommunistischen Partei an, illustrierte für den Malik-Verlag, traf auf George Grosz, mit dem er sich sehr eng befreundete, in der Galerie Burchard eröffnete früh seine erste Einzelausstellung. Er mischte mit und auf, DADA, Politik und linker Intellektualismus erforderten in einer durch den verlorenen Krieg entfesselten Welt eine unablässige geistige wie physische Unruhe, ja viel mehr noch, die ständige Provokation. Mit sicherem Instinkt für alle existentiellen Ungereimtheiten spiegelte Rudolf Schlichter zwangsläufig die Phänomene aufeinander, Kunst und menschliche Gesellschaft waren für ihn die Seiten einer Medaille. Durch seine persönliche Psychopathologie war er allerdings propagandistisch kaum zu vereinnahmen. Stilistisch entwickelte er sich zu einem der führenden Protagonisten der "Neuen Sachlichkeit". Carl Einstein bezeichnete Schlichter schon 1920 als "Veristen" und meinte, dass "viele seiner Arbeiten an Kino" erinnerten, "so gegenständlich sind sie." (zit. nach Andreas Kühne, Von der Dada-Revolte zur Neuen Sachlichkeit, in: Ausst. Kat. 1997/1998, op.cit., S. 42). Die Porträts und Milieu-Schilderungen des Künstlers aus dieser Zeit, darunter die Bildnisse von Bert Brecht und Helene Weigel, bilden den historischen Moment dieser Epoche beispielhaft ab.
Um 1924 entstand sein Gemälde "Margot" (Stiftung Stadtmuseum Berlin), im Hintergrund auf dem Mauerwerk ein bezeichnender Plakatfetzen mit der Aufschrift "CIRCUS BUSCH/QUO VADIS". Diesem Individualporträt aus dem Umkreis der Prostitution, einem Milieu, das dem Künstler nur zu vertraut war, lässt sich auch das vorliegende Aquarell letztendlich zuordnen, das Schlichter rückseitig mit "Nutten" beschriftete. Inhaltliche Ambivalenzen spannen sich um das Motiv in formal simplifizierter Straßenkulisse, die sich wiederum lakonisch kondensiert in der angedeuteten Leuchtreklame "SCALA". Es ist wohl Berlins berühmtestes Varieté-Theater damit gemeint, das 1920 eröffnete. Und die ausschreitenden Damen, elegant und bourgeois in Hut und Pelz, aber wohlgemerkt ohne jegliche Begleitung, befinden sich möglicherweise auf einem Trottoir vor seitlichem Bühneneingang. Wollen sie sich wirklich amüsieren oder dienen sie dem Amüsement? Schlichters Charakterisierungen scheinen gnadenlos, es ist ein männlicher Blick auf ein vermeintlich modernes, weibliches Selbstbewusstsein, dem er nicht nur "egotistischen" [Schlichter] Trotz, sondern auch harte Leere ins geschminkte Gesicht gezeichnet hat.

Provenienz

Ehemals Sammlung Wolf Uecker, Nachlass

Literaturhinweise

Vgl. Ausst. Kat. Rudolf Schlichter, Eros und Apokalypse, Mittelrhein Museum Koblenz, 2015/2016, Kat. Nr. 24 mit Abb. S. 88, "Scala", 1926 (motivgleiche Bleistiftzeichnung in seitenverkehrtem Entwurf)

Ausstellung

Stuttgart 1971 (Galerie Valentien), Rudolf Schlichter. Zeichnungen und Aquarelle, Kat.Nr. 9; Hamburg 1978 (Galerie Brockstedt), Rudolf Schlichter. Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken der 20er Jahre, Kat.Nr. 16 mit Abb.; Berlin/Stuttgart 1984 (Staatliche Kunsthalle/Württembergischer Kunstverein), Rudolf Schlichter, Kat.Nr. 117 mit Abb. 81; Hamburg 1995 (Erotic Art Museum), Rudolf Schlichter, Kat.Nr. 8; Tübingen/Wuppertal/München 1997/1998 (Kunsthalle/Von der Heydt-Museum/Städtische Galerie im Lenbachhaus), Rudolf Schlichter. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Kat. Nr. 85 mit ganzseitiger Farbabb.

Lot 2 D

Schätzpreis:
25.000 € - 30.000 €

Gebot
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