Max Ernst - Mer agitée, soleil, nuage et maître Corbeau avec son fils

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Max Ernst

Mer agitée, soleil, nuage et maître Corbeau avec son fils
1953

Collage und Öl auf Leinwand 92 x 73 cm Gerahmt. Unten rechts grau signiert und datiert 'max ernst/53' sowie rückseitig signiert, datiert und betitelt 'mer agitée, soleil, nuage et maître corbeau avec son fils max ernst /53'. - In schöner Erhaltung.

„1906. Der Vogelobre Hornebom. Ein Freund namens Hornebom, ein kluger, buntgescheckter treuer Vogel stirbt in der Nacht; ein Kind, das sechste in der Reihe, kommt in selbiger Nacht zum Leben, Wirrwarr im Hirn des sonst so gesunden Jünglings. Eine Art Ausdeutungswahn, als ob die eben geborene Unschuld, Schwester Loni, sich in ihrer Lebensgier des lieben Vogels Lebenssäfte angeeignet hätte. Diese Krise ist bald überstanden. Doch dauert in des Jünglings Phantasie eine freiwillig-irrationelle Vorstellungs-Vermengung von Menschen mit Vögeln und anderen Lebewesen; und dies spiegelt sich wieder in den Emblemen seiner Kunst.“ - So notiert Max Ernst in seinen biographischen Notizen (zit. nach: Aust. Kat. Max Ernst, Wallraf-Richartz-Museum Köln/Kunsthaus Zürich 1962/1963, S. 23).

Dieses museale Bild von Max Ernst aus dem Jahr 1953 entspricht formal seinen Meer-Gestirn-Bildern. In seinen surrealen Qualitäten geht es allerdings weit über deren Darstellungsmodi hinaus.

Schon 1931 greift der Künstler in seinen Landschaften auf das Mittel der Collage zurück, indem er teils bemalte Fragmente alter Tapeten arrangiert und die Bilder mit einem naheliegenden oder phantastischen Titel versieht. So auch in diesem Bild: Im Wechsel von Ruhe und Bewegung wird das Meer präsentiert im linear-organischen Akanthus-Ornament auf zwei leicht schräg collagierten Tapetenstreifen. Durch sie kann der Betrachter kraftvolle Wellenbewegungen erkennen. Von kühler Frische wirkt das glitzernde Meer, gemalt in einem klaren Blau-Hellblau-Weiß-Akkord. Die am Himmel thronende, einmal nicht voll ausgemalte Sonne wird durch eine kleinere, plastisch wirkende „Wolke“, überlagert. Für dieses collagierte Kompositionselement verwendet er ein Stück bemalter Tapete, das die Assoziation einer Wolke ermöglicht. Folgt man dem Titel, so schwebt am Himmel „Meister Rabe mit seinem Sohn“. Die Köpfe der Vögel entstehen mithilfe von Zeichenschablonen. In Ernsts Vision haben diese bereits die Formen eines Vogelkopfes. Er positioniert sie im Bild, umzeichnet und komplettiert sie mit einem weißen und einem schwarzen Punkt zu Vogelköpfen. Auch Meister seiner Bildtitel, verweist der Künstler in selbigem indirekt auf Jean de La Fontaines Fabel „Le Corbeau et le Renard“, womit er die Materialität von Collage um eine poetische Dimension erweitert.

Natur, Kosmos, Gestirne, Vögel, Wälder und das Meer sind zentrale Themen, die im Werk von Max Ernst auch nach seiner Rückkehr nach Frankreich präsent bleiben. Erste Darstellungen von Landschaft, Horizont und Sonne finden sich Mitte der 1920er Jahre, wo sie als romantische und einfach zu identifizierende Bildmotive zwischen enigmatischeren Kompositionen als Leitmotive identifizierbar sind.

Nachdem Max Ernst aus den USA zurück ist, beginnt seine zentrale Schaffensphase in Frankreich. Im Jahr 1953 entstehen kunsthistorisch bedeutende, in der Technik bemerkenswerte wie unterschiedliche Werke, darunter „Vater Rhein“ (Spies/Metken 3007), „Heuschreckenlied an den Mond“ (Spies/Metken 3029) und die vorliegende Arbeit (Spies/Metken 3025). Nachdem der Künstler in einem ausgedienten Warenhaus ein Konvolut alter Tapeten erwerben konnte, widmet er sich seit 1953 wieder den Meer-Gestirn Collagen, mit denen er die in den 1930er Jahren begonnene Technik von Collage und Ölmalerei auf Leinwand kontinuierlich fortsetzt. Mit seinen frühen Collage-Romanen und den hier erwähnten Bild-Collagen leistet Ernst Pionierarbeit für die Kunst des 20. Jahrhunderts, sie wirken bis in zentrale Positionen der Nachkriegskunst wie Pop Art hinein.

„Mer agitée, soleil, nuage et maître Corbeau avec son fils“ entsteht unmittelbar nach Max Ernsts Rückkehr nach Frankreich. Es verkörpert im Rückgriff auf die 1930er Jahre auf vielerlei Ebenen ein Moment der Verknüpfung seiner künstlerischen Leitmotive.
Typisch ist, dass im Verweis auf La Fontaines „Maître Corbeau“ nicht ohne Humor das vielschichtige Vater-Sohn-Thema lapidar angedeutet wird. Der Auftritt seines emblematischen Alter Ego des anthropomorphen Vogelwesens -„Vogelobrer Hornebom“, „Schnabelmax“ und „Loplop“ - lässt dabei ein vielschichtiges, selbstreflektives Moment erkennen. Vor diesem Hintergrund referiert das Bild nicht nur auf die transzendenten Dimensionen von Natur und Kosmos, sondern auch auf das rätselhafte Amalgam aus Intellekt, Mythologie und eigener Biographie, das Max Ernst zu einem der facettenreichsten, das 20. Jahrhundert prägenden, bildenden Künstler macht.
Max Ernst war das großartige Gemälde sehr wichtig, so hat er es bis zum Tode in seinem Haus in Südfrankreich behalten. Seine Witwe Dorothea Tanning übergab es dann einem Familienmitglied.

Werkverzeichnis

Spies/Metken 3025

Provenienz

Nachlass des Künstlers, seitdem Familienbesitz

Literaturhinweise

Werner Spies (Hg.), Max Ernst, Leben und Werk. Dokumentarband zu "Max Ernst. Oeuvre-Katalog", Köln 2005, mit Farbabb. S. 255

Ausstellung

Stockholm 1969 (Moderna Museet), Max Ernst, Kat. Nr. 79, mit Abb. S. 61; Amsterdam 1969/70 (Stedelijk Museum), Max Ernst, Kat. Nr. 75; Stuttgart 1970 (Württembergischer Kunstverein), Max Ernst, Kat. Nr. 89, mit Abb. S. 142 (mit rückseitigem Ausstellunsgsetikett); Dauerleihgabe der Familie Ernst an das Max Ernst Museum, Brühl (2007-2021)

Lot 22 D

Schätzpreis:
500.000 € - 700.000 €

Ergebnis:
620.000 €