Auktion 859, Moderne Kunst, 05.06.2004, 00:00, Köln Lot 788

Paul Klee, Physiognomie einer Anpflanzung. 1924.9

Paul Klee, Physiognomie einer Anpflanzung. 1924.9, 1924, Auktion 859 Moderne Kunst, Lot 788

Aquarell auf Büttenpapier 23,5/24,5 x 24,3 cm, auf chamoisfarbenen Karton 25,9 x 24,7 cm aufgezogen, unter Glas gerahmt. Seitlich am linken Blattrand unten in der Darstellung mit Tuschfeder signiert Klee, auf dem bemalten Unterkarton am unteren Rand links datiert und mit der Werknummer 1924.9 versehen sowie rechts betitelt Physiognomie einer Anpflanzung. - Rückseitig auf dem Rahmenkarton mit dem Aufkleber der Galerie Hans Goltz, München, darauf maschinenschriftlich bezeichnet "Aquarell Paul Klee Physiognomie einer Anpflanzung 1924/9" No."P 472".

Cat. Rais. Paul Klee 3377

Provenienz

Galerie Neue Kunst, Hans Goltz, München; ehemals Privatsammlung Berlin, seitdem in Familienbesitz

"Physiognomie einer Anpflanzung", ein hervorragendes und reifes Werkbeispiel aus der Zeit von Klees Lehrtätigkeit am Bauhaus, verschränkt formal wie bedeutungsmäßig mehrere Ebenen möglicher Interpretation, die im Titel - wie so häufig - humoristisch bzw. poetisch verschlüsselt aufscheinen. Eine 'Anpflanzung' hat natürlich keine 'Physiognomie', aber hier wird sofort der Anreiz zu einer intensiven Betrachtung gelegt, die Komposition und strukturellen Aufbau wie alle Details entdecken und neu zusammenfügen muß, um zum Verständnis zu gelangen. Intuitiv erfaßt man zunächst durch die abstrakte Anlage in horizontaler Schichtung von gestuften, rot-braunen Tönen das Landschaftliche wie das warme Erdige, man meint Grabungsfurchen und Pflanzlöcher zu erkennen, die sich in der oberen Bildhälfte zu vertikalen "Stämmen" aufsteilen; die "Schonung" mit eingeschriebenen Bäumchen entbehrt nicht des feuchten Elementes, das zum Wachstum gehört, in Form von wässrigen blauen Punktstrukturen, die kosmische Sonnenenergie ist im roten Punkt verdichtet. Oder ist der Punkt Auge, Monokol des merkwürdig eingeschriebenen menschlichen Antlitzes, der Physiognomie?

Klee entdeckt in kleinen wie großen Lebenszusammenhängen die Metamorphose, so wie er in der "Unendlichen Naturgeschichte" von den "besonderen Gesichtern der Milchstraße und der Sternbilder" spricht (zitiert nach Tilmann Osterwald (Hg.), Paul Klee, Die Ordnung der Dinge, Stuttgart 1975, S. 80) oder symbolhaft den "Ich-Bereich" als "kosmisch ein Punkt" definiert (ebenda, S. 81). Diese Zusammenhänge werden künstlerisch durch die formal-mehrdeutige Gestaltung sinnfällig neu erschlossen.

"Der Schlüssel zu der verzauberten Welt der Malerei Klees ist sicherlich der Begriff 'Gestaltung'. Die Theorie besteht ausführlich darauf, und das figurative Werk ist ihr anschaulichster Beweis. In der Bedeutung, die sie bei Klee hat, wird sie in der Entstehung der Form durch die Funktion oder das Funktionenbündel, das diese voraussetzt, realisiert. 'Gestaltung' ist also die prozessuale Bewegung, die die 'Gestalt' oder vielmehr die Entwicklung gegenüber der 'Form', die sich als vollendete Situation darstellt, vorzieht. Unter einem allgemeinen Gesichtspunkt bedeutet 'Gestaltung' das Sich-Verdeutlichen der Funktion und die Registrierung ihrer formgebenden Bewegung: als solche ist sie voll von kosmogonischer Leistungsfähigkeit und bewirkt auf der Ebene von Zeichenstrukturierung die Ausweitung eines Schöpfergeistes, der geisterhafte Wesen auf der Grenze zwischen Sein und Nicht-Sein hervorbringt. Nicht die 'natura naturata' der 'Form' definiert den zu erforschenden Bereich der Gestaltung, sondern die 'natura naturans' [nach Spinoza] der 'Gestalt', die zur Form neigt." (Placido Cherchi, Paul Klee - Probleme der Einordnung, in: Ausst. Kat. Paul Klee, Das Werk der Jahre 1919-1933, Köln 1979, S. 95)

Hugo Ball meinte 1927: "Man könnte über Klee auch noch anders sprechen. Etwa so: Er gibt sich in allen Dingen ganz klein und verspielt. In einer Zeit der Kolosse verliebt er sich in ein grünes Blatt, in ein Sternchen, in einen Schmetterlingsflügel, und da sich der Himmel und alle Unendlichkeit darin spiegeln, malt er sie mit hinein." (zitiert nach Tilmann Osterwald, op. cit.).

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