Gerhard Marcks - Selene - image-1

Lot 844 Dα

Gerhard Marcks - Selene

Auktion 859 - Übersicht Köln
05.06.2004, 00:00 - Moderne Kunst
Schätzpreis: 100.000 € - 150.000 €
Ergebnis: 238.000 € (inkl. Aufgeld)

Kranzheimer Muschelkalk. Höhe 88 cm. - Der Kopf angesetzt, fachmännisch restauriert. Die Zehen des rechten Fußes minimal bestoßen. Die vordere rechte Ecke der Steinplinthe bestoßen.
Rudloff 318. Stein-Tagebuch Nr. 19

"Der Kopf [der 'Selene'] ist von Nationalsozialisten beschädigt worden. Er wurde nach dem Krieg von dem Tübinger Denkmalpfleger Adolf Rieth repariert. Im Vergleich zum plastischen Entwurf (WV 298) ist der Kopf in veränderter Richtung weiter vorgelehnt. Die Kopfhaltung der Steinfigur mit der sich einhüllenden Gebärde entspricht dem 'Grabengel' aus dem gleichen Jahr (WV 319). Das Motiv wird 1949 in der 'Trauernden', dem Totenmal für Köln, wiederaufgegriffen (WV 543)." (Martina Rudloff, Werkverzeichnis, in: Günter Busch (Hg.), Gerhard Marcks - Das Plastische Werk, Frankfurt, Berlin, Wien 1977, S. 298)
Marcks griff bei der "Selene" auf die berühmte Plastik der Uta von Naumburg im Naumburger Dom zurück. Die Geste der rechten Hand, mit der das Gewand vor das Gesicht gehalten wird, soll die Verinnerlichung darstellen. Mit dieser Geste greift Marcks auf eine der berühmtesten und schönsten Plastiken des Mittelalters zurück und entwickelt diese Formensprache über einige seiner großartigsten Skulpturen wie "Still allein", "Eos" und "Grabengel" bis zum sogenannten "Kölner Engel" von 1949 weiter (vgl. Galerie Lempertz Contempora, Der Kölner Engel, Köln 1990). Inspiriert hat ihn als Modell Trude Jalowetz, die als Weberin am Bauhaus studierte und später an der Kunstschule Giebichenstein in Halle, die Gerhard Marcks bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten 1933 leitete (zu Trude Jalowetz siehe auch Lempertz, 854. Auktion Photographie + Photoarbeiten, lot 162). - Die oben zititierten Figuren sowie "Selene" geben nicht nur durch ihre Formensprache, sondern auch durch ihre Titel schon Ausdruck der inneren Emigration des Künstlers und seines Rückzugs aus der Welt. Die Besinnung auf die Kunst erscheint als einziger Weg des Überlebens. Dies spiegelt sich auch in der leichten Trauer wieder, die der "Selene" zu eigen ist.
Diese ist einer der wenigen Steinskulpturen, die Gerhard Marcks eigenhändig geschlagen hat und zwar in Niehagen an der Ostsee, wohin er sich nach 1933 zurückziehen mußte, und vielleicht die bedeutendste.

Werkverzeichnis

318 Rudloff 318. Stein Tagebuch Nr. 19

Provenienz

Internat Birklehof, Hinterzarten; Privatbesitz München

Literaturhinweise

Will Grohmann, Der Bildhauer Gerhard Marcks, in: Die Kunst, 1937, Jg. 38, Bd. 75, Heft 11, S. 332

Ausstellung

Bielefeld 1937 (Kunstsalon Fischer), Gerhard Marcks - Neuere Arbeiten; Baden-Baden 1947 (Stadt Baden-Baden), Deutsche Kunst der Gegenwart, Kat. Nr. 192; Halle 1991 - 1994 (Staatliche Galerie Moritzburg)