Auktion 877, Moderne Kunst, 11.06.2005, 00:00, Köln Lot 1004

Hans Purrmann, Meereslandschaft bei Cassis

Hans Purrmann, Meereslandschaft bei Cassis, 1909, Auktion 877 Moderne Kunst, Lot 1004

Öl auf Leinwand 54,2 x 73,3 cm, gerahmt. Unten rechts blau signiert H. Purrmann. - Rückseitig auf der oberen Keilrahmenleiste mit älterer französischer Beschriftung in Bleistift, teils unleserlich, "H.D. Salle 13" sowie (möglicherweise ehemalige Besitzerangabe) "Me Faure [...?]" und weiteren Vermerken; am Rand rechts mit altem Papierfragment eines numerischen Ausstellungsaufklebers und auf der Leiste von fremder Hand mit Kugelschreiber beschriftet "Cassis 1912".

Lenz/Billeter 1909/1

Mit einer Fotobestätigung von Hans Jürgen Imiela, Mainz, vom 15. Mai 1993

Provenienz

Rey, Sion/Schweiz (1963); ehemals pfälzische Privatsammlung

Ausstellungen

Duisburg 1965 (Wilhelm-Lehmbruck-Museum), Pariser Begegnungen 1904-1914, Café du Dome, Académie Matisse. Lehmbrucks Freundeskreis, Kat. Nr. 244 o. Abb. ("Küstenlandschaft bei Cassis, um 1912"); Speyer 1979 (Kunstverein Speyer), Hans Purrmann, Zum 100-jährigen Jubiläum des Staatl. Hans-Purrmann-Gymnasiums, Kat. Nr. 41; Langenargen 1980 (Museum Langenargen), Leihgabe

Mit der "Meereslandschaft bei Cassis" liegt eines der heute äußerst raren frühen Gemälde Purrmanns aus der französischen Periode vor. Bedingt durch das Zurückbleiben von Gemälden in Paris nach Ausbruch des 1. Weltkrieges, der späteren Beschlagnahmung von Werken und der Zerstörung des Berliner Ateliers 1943, sind authentische "fauvistische" Arbeiten aus Frankreich von großer Seltenheit.

Seit 1905 in Paris, gewinnt Purrmann entscheidende Impulse für seine Kunst aus der Begegnung mit impressionistischer Malerei und vor allem dem Erlebnis der jüngsten maßgeblichen Entwicklungen in der Gruppe um Henri Matisse, denen er sich vom eigenen malerischen Temperament her unmittelbar anzuschließen gewillt ist. Der Deutsche war nicht nur als maßgeblicher Mitbegründer der "Académie Matisse" dem französischen Künstler verbunden, sondern einer seiner engen Freunde. In diese Pariser Jahre fällt auch sein Experimentieren im plastischen Medium.

"Fasziniert war Purrmann von den Bildern, die 'breitfleckig, mit fast rein den Tuben entnommenen Farben' gemalt waren. Henri Matisse hatte ihnen 'das materielle Aussehen' genommen, sodaß sie 'eher ein koloristisch mildes Licht der ganzen Leinwand provozierten'. Der aus Deutschland kommende junge Maler entdeckte in den Bildern von Matisse 'gewagte Tiefen, daneben äußerstes Weiß'. Das Bild-Ganze war 'einer expressiven Zeichnung untergeordnet, die in schärfsten Achsen alle Volumen sicher und harmonisch ausbalancierte'. Dies bedeutete für Purrmann ein Programm, dem er zu folgen bereit war. Sicherlich war ihm damals noch nicht ganz bewußt, was er später als bestimmtes Gesetz erkannte: strenge Bildordnungen herbeiführen, deren System es sein soll, weniger auf die Bildinhalte zu achten als vielmehr auf das 'Zusammenwirken von Farbe, Ton und Kontrast'. Dennoch fühlte er sich durch Matisse bestätigt, Malerei mit Farben aufzubauen. Hierzu war äußerste Sensibilität notwendig, 'um zur farbigen Niederschrift einer empfundenen Sensation zu gelangen, die von der Natur selbst ausgeht.'" (Ausst. Kat. Hans Purrmann zum 100. Geburtstag, Mittelrheinisches Landesmuseum Mainz 1980, S. 32)

Der Mittelmeerlandschaft liegt ein dokumentiertes Foto des Künstlers von der Bucht von Cassis zugrunde, hierhin wie nach Coilloure waren Matisse und Purrmann zu gemeinsamen Studienaufenthalten von Paris aufgebrochen. Der Vergleich mit dem Foto ermöglicht den Abstand auszumessen, der zwischen der faktischen Aufnahme der Gegebenheiten des Geländes und der künstlerischen Interpretation liegen. Auch der Vergleich zu kleineren Ölstudien wie auch zu einer noch stärker in Form und Farbe abstrahierten Zweitfassung (vgl. Lenz/Billeter 1909/4) weisen das vorliegende Motiv als charakteristisch aus: aus der Farbe aufgebaut, die teilweise lasierend aufgetragen ist, bleibt der Pinselduktus sichtbar, noch sind Kontraste spürbar koloristisch integriert, verhalten, um hier zu jeder feinen "empfundenen Sensation zu gelangen, die von der Natur selbst ausgeht."

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