Max Ernst - Ophelia (auch: Luftspiegelung)

Max Ernst - Ophelia (auch: Luftspiegelung) - image-1
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Max Ernst

Ophelia (auch: Luftspiegelung)
1954

Öl auf Holz 24,1 x 33 cm

Max Ernst hatte 1925 in den Frottagetechniken der "Histoire Naturelle" das Prinzip und die Poesie des Zufalls für seine Bilderfindungen eingeführt, sie klingen in diesem auf Holz gemalten Werk noch durch die unmittelbar dem Bildträger verwandte, "gemaserte" Wellenstruktur nach. Sie bleibt auch hier eine der manipulierten Oberflächenbearbeitung, denn das formale Äquivalent zum oben am Bildrand leuchtenden Rund eines - vielleicht - angedeuteten, sich in bewegtem Wasser spiegelnden Mondes, das Astloch der Holzplatte, sucht man vergebens.
Die surreale Evokation individueller Phantasien und Assoziationen wird hier vom Künstler durch den Titel motivlich in eine bestimmte Richtung gelenkt, als sähe man in ein Gewässer, in dem vage Bilder auftauchen. Sie bleiben so irreal und unverbindlich geheimnisvoll wie "Luftspiegelungen" oder Vexierspiele. Es kann natürlich auch die unglücklich liebende "Ophelia" gemeint sein, die, ertrunken mit ihren aufgebauschten Gewändern, aus den Tiefen der Strömung hervorschimmert. Sie ist als "Sehnsuchtsmotiv" ebenso unfaßbar. Die kleine Tafel von Max Ernst erscheint so wie ein abstraktes Pendant der präraphaelitischen "Ophelia" von John Everette Millais, einer Bildikone des 19. Jahrhunderts. Hatte Millais noch alle Register einer naturnahen Schilderung der treibenden, blütenbedeckten Gestalt gezogen, den Text und das Lied der wahnsinnig gewordenen Ophelia bei Shakespeare mit seiner Natursymbolik umsetzend, erzielt Max Ernst, auch ein großer Romantiker und von der Natur ausgehend, mit neuen künstlerischen Mitteln eine Bildwirkung, die es erlaubt, rein subjektiv bleibende "Visionen" verblüffend glaubhaft zu machen, sofern man sich auf sie einläßt.
"Der spirituelle Savannenläufer hatte entdeckt, daß er von einem Selbst umgetrieben wird, das sich dem direkten Zugriff entzieht. Oder anders gesagt: Er wußte, daß ein Selbst, das man im direkten Zugriff erreichen will, so trivial wird, daß es nicht zum Aushalten ist. Deshalb auch mußte der Mensch, als Genie des Umwegs und der Indirektheit, die Kunst erfinden. Mit der Kunst näherte man sich Gott auf halbem Weg, aber auch so blieb dieser Weg noch lang genug, um dem Geheimnis eine Chance zu geben. Der Mensch ist ein umwegiges Wesen. Wenn er den Reichtum und den Zauber seines Wesens bewahren will, darf er nicht die kurzen, direkten Wege wählen." (Rüdiger Safranski, Variationen über Raum, Zeit und Erfahrung, in: Ausst. Kat. Arnold Böcklin, Giorgio de Chirico, Max Ernst - Eine Reise ins Ungewisse, Zürich/ München/ Berlin 1998, S. 269).

Werkverzeichnis

3056 Spies

Provenienz

Galerie Nebelung, Düsseldorf (1957); Galerie Roland, Browse & Delbanco, London; Günter Holtz, Wildeshausen; Privatbesitz Rheinland

Ausstellung

London 1962 (Galerie Roland Browse & Delbanco), Nr. 18

Lot 52 R

Schätzpreis:
80.000 € - 120.000 €

Ergebnis:
96.000 €