Vincent van Gogh - Femme semant/Peasant Woman Sowing with a Basket

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Vincent van Gogh

Femme semant/Peasant Woman Sowing with a Basket
1881

Schwarze Kreidezeichnung, weiß gehöht, und Aquarell auf Velin, auf Karton und Holzplatte aufgezogen 62,2 x 47,2 cm Unter Glas gerahmt. Unbezeichnet. - Mit professionell restaurierten Altersspuren.

„Aus Den Haag habe ich in Holz gefaßte Kreide (wie Bleistift) mitgebracht, und damit arbeite ich nun viel. Auch fange ich an, mit dem Pinsel und dem Wischer hineinzuarbeiten, mit etwas Sepia und chinesischer Tusche und ab und zu mit ein bißchen Farbe. Ganz gewiß haben die Zeichnungen, die ich in letzter Zeit gemacht habe, sehr wenig Ähnlichkeit mit irgend etwas anderem, was ich bisher machte.“ (Vincent van Gogh: Sämtliche Briefe Bd. 1, op. cit., Zürich 1967, S. 243)
Vincent van Goghs ausnehmend große Papierarbeit der „Säenden“ entstammt jener Gruppe von Werken, die der Künstler im September 1881 gegenüber seinem Bruder Theo mit großer Emphase erwähnte. Die mit verschiedenfarbigen Aquarell-Akzenten subtil kolorierte Kreidezeichnung entstand im Herbst 1881 in Etten nahe Breda, wo van Goghs Vater das Pfarramt innehatte und der junge Künstler zu der Zeit lebte. Als einzig bekannte Darstellung einer Säerin bei der Feldarbeit war dieses rare Frühwerk 1988 als Leihgabe in der Ausstellung „Van Gogh & Millet“ im Amsterdamer Rijksmuseum Vincent van Gogh vertreten (vgl. op. cit., Ausst. Kat., Amsterdam 1988, S. 171). Der Stilllebenmaler Jan (Johannes) Dona war erster Besitzer des Blattes und Künstlerfreund von H.P. Bremmer, der zwischen 1908 und 1928 als künstlerischer Berater von Helene Kröller-Müller fungierte. In dieser Zeit war Bremmer maßgeblich am Aufbau der einzigartigen van Gogh Bestände des heutigen Kröller-Müller Museums in Otterloo beteiligt. Dort und im Amsterdamer Van Gogh Museum befindet sich heute der Großteil der Zeichnungen aus dieser Schaffensphase.
Van Goghs künstlerische Auseinandersetzung mit dem bäuerlichen Leben in der Provinz und seine Darstellungen der Landbevölkerung bei der Arbeit auf dem Feld, beim Graben, Säen oder Sensen, sind geprägt von einem sensiblen Streben nach Aneignung einer von vielen Härten geprägten Lebenswelt. Bereits in seinen frühesten Arbeiten vermag der Künstler seine große emotionale Nähe zum Dargestellten zum Ausdruck zu bringen; unnachahmlich gelingt es ihm, die Verfasstheit menschlicher Existenz in vertraute Bilder zu übersetzen. „Melancholie und Mitleid brachten sich stets in die Gegenstände und Figuren ein, anhand deren sich seine Bilder entwickelten. Im Akt des Malens verselbstständigte sich die Gefühlswelt des Künstlers, wurde objektiv, indem sie sich ganz unmittelbar im Gegenüber des Motivs wiederfand.“ (I. F. Walther, R. Metzger: Vincent van Gogh Bd. 1, Köln 1989, S. 102)
Entsprechend dem Geschmack seiner Zeit entwickelte van Gogh früh ein ausgeprägtes Interesse an der sozialromantischen Kunst eines Jean-Francois Millet oder Jules Breton. Aus dem Frühjahr des Jahres 1881 stammt der „Sämann“ (de la Faille F 830, Hulsker 1; s. Vergleichsabb.), eine Zeichnung nach Millets gleichnamigem Gemälde aus dem Jahr 1850, heute in der Sammlung des Museum of Fine Arts in Boston. Die in van Goghs Briefen mehrfach erwähnte Arbeit findet sich als erster Eintrag in Jan Hulskers Gesamtverzeichnis und verweist prominent auf das bereits für den frühen van Gogh so zentrale Thema des bäuerlichen Lebens. In diesem Zusammenhang schrieb Vincent noch im September 1881 an seinen Bruder Theo: „Grabende, Sämänner, Männer und Frauen muß ich nun unaufhörlich zeichnen. Genauso wie viele andere das getan haben und tun. Ich stehe nun nicht mehr so machtlos vor der Natur wie früher.“ (Vincent van Gogh: Sämtliche Briefe Bd. 1, op. cit., Zürich 1967, ebenda)
In der vorliegenden Zeichnung stellt van Gogh die Säerin in all ihrer Würde und Ernsthaftigkeit dar. Die bildfüllende Ansicht, die aufrechte Haltung der Figur, aber auch die kraftvollen Konturen und die dosiert ausgearbeiteten Details bezeugen eindrucksvoll van Goghs beinahe konzeptuelles Verständnis des Motivs. Als Modell für die Arbeit wählte der Künstler vermutlich Johanna van Peer. Sie war die Frau von Cornelis Schuitemaker, der Vincent van Gogh in einer Reihe von Werken ebenfalls als Modell zur Verfügung stand, unter anderem als alter Bauer vor dem Kamin in der Zeichnung „Erschöpft“ (de la Faille F 863, Hulsker 51).
Vincent van Gogh nähert sich mit Zeichnungen wie der „Säenden“ jener spröden Mentalität des kargen Landlebens, welche er vier Jahre später in seinen Darstellungen der "Kartoffelesser“ (beispielsweise de la Faille F 1661, Hulsker 737; s. Vergleichsabb.) mit herausragender Intensität zum Ausdruck bringen wird. Auch darüber hinaus sollte sich das Thema der bäuerlichen Arbeits- und Lebenswelt als prägend für sein künstlerisches Vermächtnis erweisen: Bis in seine letzten Lebensjahre befasste sich van Gogh immer wieder mit den Topoi vom Säen und Ernten als Sinnbild irdischen Werdens und Vergehens.

Werkverzeichnis

de la Faille (1970) F 883; de la Faille (1992) F 883; Hulsker 53

Zertifikat

Wir danken Teio Meedendorp, Van Gogh Museum Amsterdam, für ergänzende Informationen zum Werk.

Provenienz

Jan Dona, Den Haag; Galerie D. A. Hoogendyk, Amsterdam; Galerie Hermann Abels, Köln; Privatbesitz (seit 1926)

Literaturhinweise

Walther Vanbeselaere, De Hollandsche Periode (1880-1885) in het werk van Vincent van Gogh, Antwerpen 1937, Nr. 883 (o. Abb.), S. 54, S. 408; Vincent van Gogh, Sämtliche Briefe, Bd. 1. An den Bruder Theo, hrsg. von Fritz Erpel, Zürich 1967, Brief 150, S. 242 f.; The complete letters of Vincent van Gogh, hrsg. von New York Graphic Society, Boston 1978, S. 237 ff. Letter 149 ff., September 1881; Vincent van Gogh, De brieven, De volledige, geïllustreerde en geannoteerde uitgave, hrsg. vom Van Gogh Museum, Amsterdam 2009, Deel 1, Brieven 166-193

Ausstellung

Köln 1925 (Kunstsalon Hermann Abels), Gemälde, Graphik, Plastik, Kat. S. 44 f. mit ganzseitiger Abb.; Amsterdam 1988/1989 (Rijksmuseum Vincent van Gogh), Van Gogh & Jean François Millet, Kat. Nr. 69, S. 171 mit Farbabb. ("Zaiiende Vrouw"); bis 2015 Leihgabe im Picasso-Museum, Münster

Lot 304 Dα

Schätzpreis:
800.000 € - 900.000 €

Ergebnis:
1.036.000 €