Renée Sintenis - Großes grasendes Fohlen

Renée Sintenis

Großes grasendes Fohlen
1929

Bronze Höhe 76,3 cm Auf der mitgegossenen Plinthe (64 x 26,5 x 3 cm) mittig signiert 'R. Sintenis'. Das vorliegende Exemplar ohne Gießerstempel ist lt. Ursel Berger bei Hermann Noack in Berlin gegossen worden, höchstwahrscheinlich vor dem II. Weltkrieg. Der Guss lässt sich vergleichen mit einem Exemplar in Privatbesitz, das ursprünglich vor der Galerie Flechtheim in Berlin aufgestellt war und bei dem es sich möglicherweise um den ersten Guss handelte. René Crevel (1930) erwähnt Exemplare in den Sammlungen von Max Emden, Ascona, Oskar Reinhart, Winterthur und Hugo Borst, Stuttgart. Lebzeitengüsse dieses Fohlens sind sehr selten. - Mit grünlicher Patina, teilweise silbrig glänzend. - In sehr schöner Erhaltung. - Die Plastik war über längere Zeit im Freien aufgestellt.

Von den rund 125 von Renée Sintenis geschaffenen Tierbronzen ist fast die Hälfte der Darstellung von Pferden und Ponys gewidmet. Besonders fasziniert zeigte sich die Bildhauerin offenkundig von Fohlen, die sie in den unterschiedlichsten Lebens- und Gemütslagen modellierte. Hierin drückt sich ihre tief empfundene Zuneigung für diese Tierart aus, woraus sie auch nie einen Hehl machte. Freimütig räumte sie ein: „Im eigentlichen Sinne des Wortes lebt in meinem Herzen vor allem anderen eine beinahe abgöttische Liebe und Anbetung für Pferde. Diese Verehrung in mir scheint mir immer von neuem als von geheimnisvoller Bedeutung erfüllt. Mit meinem Verstande kann ich das nicht erklären, […] fast möchte ich sagen, daß es eine metaphysische Angelegenheit sei.“ (zit. aus: Ausst. Kat. Georg-Kolbe-Museum (Hg.), op. cit., Berlin 1983, S. 116) Schon als Kind hatte sich die begeisterte Reiterin mit Vorliebe an Koppeln und Weiden aufgehalten, dort dürfte sie die ersten Eindrücke für ihren reichen Motivfundus gesammelt haben.
Hatte Sintenis bereits 1919 eine kleine Vorgängerversion (Berger/Ladwig 44; Buhlmann 130) geschaffen, überträgt sie das Motiv zehn Jahre später in leicht abgewandelter Form auf das „Große grasende Fohlen“: Das zierliche Jungtier beugt seinen Kopf nun seitlich nach links hinunter, dabei seine noch staksigen Vorderbeine nach vorne und hinten abspreizend, um mit seinem Maul leichter bis zum Boden zu gelangen. Die Hinterläufe geben ihm in dieser etwas ungelenken Position Halt. Keck reckt es sein Hinterteil mit dem noch kurzen buschigen Schwanz in die Höhe. Obgleich ganz mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt, versucht es gleichzeitig mit seinen anderen Sinnesorganen - Nüstern, Augen und Ohren - so viele weitere Eindrücke wie möglich zu sammeln.
Mit großer formaler Sicherheit arbeitet Sintenis hier die physiognomischen Besonderheiten heraus - eine bemerkenswerte Weiterentwicklung gegenüber der ersten kleinen Fassung. Kinder wie Erwachsene können sich an zwei Exemplaren des „Großen grasenden Fohlens“ im öffentlichen Raum erfreuen: Das eine verweilt seit 1971 am Renée-Sintenis-Platz in Berlin, während sich das andere im Düsseldorfer Hofgarten auf die Futtersuche begibt.

Werkliste

Berger/Ladwig 111; Buhlmann 139

Zertifikat

Mit einem Gutachten von Ursel Berger, Berlin, vom 1. April 2016

Provenienz

Deutsche Privatsammlung Rheinland; Privatsammlung Niederrhein (vom Vorbesitzer Mitte der 1980er Jahre erworben)

Literaturhinweise

Der Querschnitt, Nr. 9, Heft I, 1929, S. 340 mit Abb.; René Crevel, Renée Sintenis, Paris 1930, Abb. S. 63 ("Le grand poulain"); René Crevel/Georg Biermann, Renée Sintenis, Junge Kunst Bd. 57, Berlin 1930, Nr. 83 mit Abb. 31 ("Das grasende Fohlen"); Deutsche Kunst und Dekoration, Nr. 66, 1930, S. 38 mit Abb.; Kunst und Künstler, Nr. 28, 1930, S. 235 mit Abb.; Ada Schmidt-Beil (Hg.), Die Kultur der Frau. Eine Lebenssymphonie der Frau des XX. Jahrhunderts, Berlin 1931, S. 281 mit Abb.; Omnibus 1931, S. 54 mit Abb.; Dedalo, Jg. 3, Heft 13, 1933, S. 40 mit Abb.; Hanna Kiel, Renée Sintenis, Berlin 1935, S. 65 mit ganzseitiger Abb.; Rudolf Hagelstange (u.a.), Renée Sintenis, Berlin 1947, Abb. Nr. 79 ("Großes Fohlen"); Adolf Jannasch, Renée Sintenis, Potsdam 1949, Abb. Nr. 13 ("Grosses weidendes Fohlen"); The Studio, Nr. 138, 1949, S. 182 mit Abb.; Die Weltkunst, Nr. 23, Heft 15, 1953, S. 9 mit Abb.; Hanna Kiel, Renée Sintenis, Berlin 1956, S. 41 mit ganzseitiger Abb.; Rudolf Koella, Sammlung Oskar Reinhart, Winterthur, Zürich 1975, S. 358 mit Abb.; Martin Damus und Henning Rogge, Fuchs im Busch und Bronzeflamme. Zeitgenössische Plastik in West-Berlin, München 1979, S. 127 mit Abb.

Ausstellung

Berlin 1930 (Berliner Secession), Plastik, 59. Ausstellung, o. Nr.; Düsseldorf 1953 (Galerie Vömel), Sommerausstellung der Galerie Vömel; Berlin 1958 (Haus am Waldsee), Renée Sintenis, Kat. Nr. 42; Düsseldorf 1965 (Galerie Vömel), Werke deutscher Bildhauer 1918 - 1939, Abb. o. S.; Düsseldorf 1978 (Galerie Vömel), Ausstellung von Skulpturen, Zeichnungen und graphischen Werken von Renée Sintenis zum 90. Geburtstag, Abb. o. S.; Berlin/Osnabrück/Regensburg/Friedberg/Düren 1983/1984 (Georg-Kolbe-Museum/Kulturgeschichtliches Museum/Ostdeutsche Galerie/Galerie im Alten Rathaus/Leopold-Hoesch-Museum), Renée Sintenis. Plastiken, Zeichnungen, Druckgraphik, Kat. Nr. 35 mit Abb. S. 66

Lot 336 Nα

Schätzpreis:
80.000 € - 100.000 €

Ergebnis:
86.800 €