Bernhard Strigel, Werkstatt - Heiliger Christophorus

Bernhard Strigel, Werkstatt

Heiliger Christophorus

Öl auf Holz. 92 x 84,5 cm.

Alles an dieser Figur zeugt von ihrer Kraft und Größe, aber auch von der Bedeutung ihrer Aufgabe, den Heiland über den reißenden Fluss zu tragen. In einer mächtigen Bewegung schreitet der hl. Christophorus nach links. Er berührt nur mit den Zehenspitzen seines linken Fußes den Boden, mit beiden Händen umklammert er den Stamm eines Baumes am Ufer. Sein Kopf ist nach oben gewendet, so dass sich eine spannungsreiche Drehung des gesamten Körpers ergibt. Auf seiner Schulter sitzt das Christuskind, dem Betrachter zugewandt, die Rechte zum Segensgruß erhoben und in der Linken die Weltkugel haltend. Trotz der heftigen Bewegung thront Christus ruhig auf der Schulter des Heiligen, nur der kunstvoll im Wind flatternde Umhang zeugt von der dynamischen Bewegung der Figuren. Am Ufer angelangt, wird Christus den Riesen unter dem Namen Christophorus - Christusträger - taufen.
Diese in ihrer Expressivität faszinierende Darstellung stellt einen Teil der Außenseite eines Flügelaltars dar, der in der Werkstatt des in Memmingen ansässigen Bernhard Strigel entstanden ist und auf 1522 datiert werden kann. Wie so viele Altarretabel, so ist auch dieser in späterer Zeit auseinandergerissen worden. Gleichwohl lässt sich das Aussehen des Außenflügels rekonstruieren. Im oberen Register befand sich neben der vorliegenden Darstellung des Hl. Christophorus eine Anna Selbdritt mit der hl. Anna in einer Landschaft, Maria und Christus in ihren Händen tragend (vgl. Abb. 1). Diese Tafel mit identischen Maßen wie das vorliegende Gemälde tauchte vor einiger Zeit auf dem internationalen Kunstmarkt auf. Unter den beiden Heiligendarstellungen befand sich eine über zwei Tafeln verteilte Anbetung der Könige, die nur durch ältere Fotografien bekannt ist.
Mit der Anna Selbdritt und dem hl. Christophorus wurden somit zwei Christusträger auf der Außenseite dargestellt. Die dynamische Figur des hl. Christophorus wurde dabei die ruhig in der Bildmitte stehende Anna Selbdritt gegenübergestellt. Moraht-Fromm vergleicht die außergewöhnlich expressive Figurenkomposition der vorliegenden Tafel mit einem anderen Werk Bernhard Strigels, der Dornenkrönung auf dem Hochaltarretabel der Benediktiner-Klosterkirche in Blaubeuren.
Bernhard Strigel war der letzte bedeutende Vertreter einer Künstlerfamilie, die in Süddeutschland über drei Generationen Altäre schuf und eine große Werkstatt unterhielt. Moraht-Fromm verweist auf die qualitätvolle Unterzeichnung auf der vorliegenden Tafel, die von Bernhard Strigel selbst stammen könnte.

Zertifikat

Anna Moraht-Fromm, Berlin, Juli 2019.

Provenienz

Württembergische Privatsammlung.

Lot 1003 Dα

Schätzpreis:
100.000 € - 120.000 €

Ergebnis:
99.200 €