Jan van Kessel d. Ä. - Allegorie der Nacht

Jan van Kessel d. Ä. - Allegorie der Nacht - image-1
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Jan van Kessel d. Ä.

Allegorie der Nacht

Öl auf Kupfer, auf Holz aufgezogen. 17 x 23 cm.
Signiert unten links: I. VKESSEL (VK ligiert).

Diese fein gemalte, gut erhaltene kleine Kupfertafel Jan van Kessels ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Sie zeigt, ikonographisch ungewöhnlich, einen nächtlichen Kampf von Fledermäusen mit Wiesel und Katzen. Sie stellt die Fledermäuse überdies nicht, wie in der Kunst üblich, als negativ konnotierte Tiere dar, sondern gewährt ihnen die Rolle der heldenhaft kämpfenden Protagonisten.
Der Kampf findet nachts auf dem Waldboden am Fuß eines Baums statt, wie wir ihn von Sous-Bois-Stillleben kennen. Im Zentrum sehen wir eine Fledermaus, die sich mit ausgebreiteten Flügeln gegen die angreifenden Wiesel und Katzen wehrt. Eine Fledermaus kann entfliehen, ein Neugeborenes ist zur Beute einer Katze geworden, zwei Kleintiere krabbeln aus einem Erdloch – sie werden nicht entkommen, eine der Katze hat es auf sie abgesehen.
Jan van Kessel versteht es, mit der Darstellung weniger Tiere einen dramatischen Kampf zu inszenieren. Die Wiesel und Katzen, die die Fledermäuse von allen Seiten attackieren, bilden eine kreiselförmige Bewegung um die Fledermäuse, so dass die Komposition trotz des kleinen Formats eine erstaunliche Dynamik entfaltet.

Die Fledermaus hat eigentlich keinen guten Leumund in der abendländischen Kunst, im Gegensatz etwa zur Kunst Ostasiens. Sie erscheint vornehmlich in Darstellungen wie der Versuchung des hl. Antonius oder der Allegorie der Nacht als Teil einer Schar von Ungeheuern. Ihr schlechtes Image verdankt sie nicht nur der Tatsache, dass sie vornehmlich nachts aktiv ist. Ihr ist vielmehr zum Verhängnis geworden, dass sie keiner Tiergattung eindeutig zuzuordnen ist, wie etwa Aristoteles und Plinius bereits in der Antike feststellen: Die Fledermaus ist weder gänzlich Vogel noch gänzlich Vierbeiner und dann wiederum ein wenig von beidem. Sie kann fliegen, flattert dabei aber vornehmlich erdnah. Sie ähnelt im Aussehen einem Vogel, hat jedoch anders als dieser Zähne. Vor allem aber legt sie keine Eier, sondern gebiert Jungtiere und säugt diese.
Die uneindeutige Gattungszugehörigkeit der Fledermaus hat dazu geführt, dass mit ihr fragwürdige Charaktereigenschaften assoziiert worden sind, eine moralische Flatterhaftigkeit sozusagen. So erzählt Aesop folgende Fabel: Ein Wiesel, das Vögel hasst, attackiert eine Fledermaus. Diese erklärt dem Wiesel, doch gar kein Vogel zu sein, woraufhin das Tier von ihr ablässt. Da kommt ein anderes Wiesel, eines das Mäuse hasst. Diesem erklärt die Fledermaus, doch ein Vogel zu sein – und fliegt davon. Die Vorstellung von der charakterlichen Fragwürdigkeit der Fledermaus und ihre Übertragung auf den Menschen war noch in der Neuzeit lebendig: In den „Emblemata“ des Florentius Schoonhoven von 1618 etwa taucht Aesops Fabel als Emblem auf mit dem Titel „Auf die Schmeichler“ (Abb. 2).

Seit der Antike war somit bekannt, dass Fledermäuse und Wiesel einander feindlich gesonnen waren. Diese Feindschaft stellt Jan van Kessel in dieser kleinen Tafel dar. Anders als in der herkömmlichen Bildtradition wird die Fledermaus jedoch nicht mit den bekannten negativen Eigenschaften assoziiert. Dies wird an der Gestaltung des Tieres im Bildzentrum deutlich, welches zwei Kleintiere mit sich führt. Diese Darstellung gründet auf der Beobachtung, dass Fledermäuse im Flug ihre Neugeborenen an ihren Zitzen mit sich führen und im Flug säugen. Bereits Plinius berichtet davon, der berühmteste Naturforscher jener Tage, Ulisse Aldrovandi, stellt dies in seiner vogelkundlichen Publikation von 1599 dar (Abb. 1). Im Zentrum der Komposition sehen wir somit eine Fledermausmutter, die ihre Neugeborenen tapfer gegen die Eindringlinge verteidigt. Hier sind es die Katzen und Wiesel, die mit ihren gelängten, gebogenen Körpern, ihren verdrehten Köpfen und ihrem Umherschleichen negativ konnotiert sind.
Es sind zwei weitere Darstellungen von kämpfenden Fledermäusen im Werk Jan van Kessels überliefert (Ashmolean Museum, Oxford, sowie Rijksmuseum Twenthe, Enschede), die bei Ertz und Nitze-Ertz unter den Allegorien gelistet werden (Ertz/Nitze-Ertz 2012, Nr. 717, Nr. 720).

Zertifikat

Dr. Klaus Ertz, Lingen, 9.2.2016. - Dr. Walther Bernt, Februar 1979.

Provenienz

Württembergische Privatsammlung.

Lot 1070 Dα

Schätzpreis:
70.000 € - 80.000 €

Ergebnis:
105.400 €