Otto Modersohn - Herbst am Moorkanal. Verso: Louise Modersohn-Breling im grünen Kleid

Otto Modersohn

Herbst am Moorkanal. Verso: Louise Modersohn-Breling im grünen Kleid
1923/1913

Öl auf Leinwand 74 x 90 cm bzw. 73 x 92 cm Doppelansichtig gerahmt. Unten links rotbraun signiert 'OModersohn' (ligiert), rechts mit den Resten einer überstrichenen Signatur sowie verso unten rechts schwarz signiert 'O Modersohn'. - Fachmännisch restauriert, die Bildrückseite freigelegt.

Die später auf die Rückseite des Porträts Louise Modersohn-Brelings gemalte Landschaft besticht in ihrem Querformat durch ihre Frische und Weite - beinahe scheint einem die klare Luft des norddeutschen Bremer Umlands entgegen zu wehen. Die Rot-Orangebrauntöne der herbstlichen Vegetation und der in die Landschaft geschmiegten Katen bilden einen kräftigen Kontrast zum hellen Himmelsblau. Wattige, weiche Konturen vermitteln Leichtigkeit, vermögen der Komposition aber dennoch erdverbundenen Stand und Tiefe zu verleihen. Die Komposition wird dynamisiert durch den diagonalen Verlauf des Moorkanals.
Nach Worpswede kommt der in Soest und Münster aufgewachsene Otto Modersohn im Sommer 1889; das Dorf und seine Umgebung werden Hauptthema in allen Motivvarianten und Variationen von Tages- und Jahreszeiten. In seinem Tagebuch beschreibt Otto Modersohn den ersten Eindruck: „Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte […], die großen bemoosten Strohdächer, und nach allen Seiten, soweit man sehen konnte, alles so weit wie am Meer.“ (Otto Modersohn, Tagebuch 3.7.1889, zit. nach Ausst. Kat. Otto Modersohn. Fischerhude 1908-1943, Fischerhude 1993, S. 287 f.). Im Entstehungsjahr der Landschaft beschreibt der Maler seine neue Einsicht: „Einfachheit, Vereinfachung ist das Wichtigste, nicht bloß in der Form, sondern noch mehr in der Farbe. Ein Akkord, eine Harmonie muß das Bild darstellen. […] Alles kommt darauf an, daß ein Bild ‚stark' ist.“ (O.M., Tagebuch 10.9.1923, zit. nach ebenda, S. 110). Diese neuen Prinzipien kommen in der angebotenen Worpsweder Landschaft zum Tragen, Otto Modersohn ist eine starke überzeugende Komposition in leuchtender Farbigkeit gelungen, die eine optimistische Ruhe ausstrahlt.
Die ältere Vorderseite der beidseitig bemalten Leinwand zeigt das Porträt der Sängerin Louise Modersohn-Breling, seit 1909 mit dem zweimalig verwitweten Maler verheiratet. Otto Modersohn hält seine Gattin in beinahe abstrakter Weise fest; im Profil konturiert, verleiht er ihr einen, Prinzipien des Jugendstils folgenden, ornamentalen Charakter. Eingepasst in das räumliche Geviert des Raumes, füllt sie die gute Stube beinahe gänzlich aus. Aber jenseits von vermuteten Qualitäten an Heim und Herd, derer hier vielleicht gedacht ist, hat der Künstler Louise auch als eine mit intellektuellen Qualitäten befähigte Frau festgehalten. Die Pose der den Kopf Stützenden ist seit der Antike eine tradierte Haltung verschiedener Musen, die als antike Plastik zum Kanon der klassisch akademischen Ausbildung zählen - auch Modersohn hatte diese durchlaufen. Diese prägnante Körperhaltung dürfte dem Maler aktuell in der Darstellung des Denkers von Rodin während seiner Aufenthalte in Paris wieder begegnet sein.

Werkliste

Im Atelierbuch Winter 1923/1924: 4) als "Herbstlandschaft Kanal n. Komp. 91 x 73". Verso Atelierbuch Winter 1912/1913: "L. grün vor Ofen 92 x 73" verzeichnet

Zertifikat

Mit einer Expertise von Rainer Noeres, Otto Modersohn Museum, Fischerhude, vom 19.9.2019

Provenienz

Vom Vorbesitzer direkt vom Künstler erhalten; seitdem in Familienbesitz Süddeutschland

Ausstellung

Fischerhude (Otto Modersohn Museum), Leihgabe

Lot 23 Dα

Schätzpreis:
40.000 € - 60.000 €

Ergebnis:
55.000 €