Emil Nolde - Tosendes Meer

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Emil Nolde

Tosendes Meer
Um 1930/1935

Aquarell auf Japanpapier 33,5 x 45,5 cm Unter Glas gerahmt. Unten rechts mit Feder und schwarzer Tusche signiert 'Nolde'. - In sehr schöner, farbfrischer Erhaltung.

Die Farb- und Formgewalt von Noldes Aquarell „Tosendes Meer“ erinnert daran, welchen künstlerisch hohen Stellenwert die Meeresbilder in seinem Oeuvre einnehmen. Die Ölbilder entstehen - rauschhaft und wie in Extase gemalt - z.T. hintereinander in großen gemalten Folgen, insbesondere 1930 anlässlich des Aufenthaltes auf Sylt (vgl. „Meer“ A - F, Urban 1100-1105; davon nur 4 Bilder heute erhalten, darunter „Meer B“ in der Tate Gallery, „Meer E“ in der Nolde-Stiftung). Nach dem Krieg 1947 folgen vergleichbare Formate, von denen eines Jolanthe Nolde gehörte und im Heidelberger Kunstverein 1958 zusammen mit dem vorliegenden Aquarell ausgestellt war (vgl. Urban 1290 sowie Urban 1291-1292, „Meer“ I-III). Noldes ausdrucksstarke Papierarbeiten begleiteten die Gemälde, das Medium des Aquarells schien dazu wie geschaffen.
Wie sehr den Künstler das Thema als Erlebnis fesselte, zeigen seine stakkatoartigen Ausführungen „Am Westmeer“ von seinem Sylter Aufenthalt im Sommer und Herbst 1930: „Es war, als ob die freie Luft, der salzige Geschmack, die tosenden Wogen mich spornten und beglückten. […] Die Wogen, ihr Grollen, die Wolken vor und über mir, der Strand, die Dünen, das graue Gras, es alles war mein. […] Wie ein Trunkener lief ich stundenlang den Strand entlang oder durch den flüssigen Sand der Dünen, meine Gesänge schreiend, wo es einsam war, schreiend mit den Möwen, die auch so schreien. […] Ich begriff alles kaum und nahm es hin, gelassen bewegt, wie auch meine Farben es waren, ob ich die graugrünen Dünen malte, das tosende Meer oder die Menschen.“ (Emil Nolde, Mein Leben, op.cit., S. 377). Seine Naturerfahrung ist eine mit allen Sinnen wahrgenommene und dieses sensorische, auch akustische Moment findet sich mit aller Meisterschaft in seinem Werk umgesetzt.
In der vorliegenden Komposition ist die Intensität und Farbfrische des Mediums in selten schöner Erhaltung besonders beglückend: die Farben glühen und fluoreszieren, man erlebt die Bewegung untergründiger Tiefenströmungen in starken wie rhythmischen Hell-Dunkel-Kontrasten und transparenten Farblagen, die Wogen mit ihrer explosiv aufschäumenden Gischt als ein moduliertes, blendendes Weiß, wobei der Malgrund, ein faseriges Japanbütten, einbezogen wird. Die Expressivität des Blattes resultiert nicht zuletzt aus der Sicherheit und Freiheit, mit der Nolde instinkthaft das Motiv quasi à rebours entwickelt, denn die flüssige malerische Bewegung unterstreicht die Urgewalt der von rechts nach links heranlaufenden, unruhigen Wassermassen, die sich zu einem schimmernden zentralen Brecher aufsteilen.

Zertifikat

Mit einer Foto-Expertise von Manfred Reuther, Klockries, vom 12. Oktober 2020.
Das Werk ist in seinem Archiv unter der Nummer "Nolde A - 184/2020" registriert und dokumentiert.

Wir danken Christian Ring, Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, für ergänzende Informationen.

Provenienz

Jolanthe Nolde, geb. Erdmann (1921-2010), Nachlass; seitdem in Familienbesitz

Literaturhinweise

Vgl. Emil Nolde, Am Westmeer 1930, in: Emil Nolde. Mein Leben, Köln 1976, S. 376-379 sowie Martin Urban, Nachwort, ebenda S. 418

Ausstellung

Heidelberg 1958 (Kunstverein), Emil Nolde. Gemälde - Aquarelle - Graphik. Eine Privat-Sammlung, Kat. Nr. 35 ("Tosendes Meer")

Lot 168 D

Schätzpreis:
100.000 € - 130.000 €

Ergebnis:
275.000 €