Ernst Barlach - Lehrender Christus

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Ernst Barlach

Lehrender Christus
1931

Bronzeplastik Höhe 87,5 cm eines von 14 posthum (seit 1950 nach Laur) gegosse

Die plastischen Arbeiten sind rar, in denen Barlach in direkter Form die Christusgestalt thematisiert: ist sie in dem religiösen Fassadenprojekt dieser Jahre, der "Gemeinschaft der Heiligen" für die gotische Kirche St. Katharinen in Lübeck, nicht vorgesehen, so stellt eine der schönsten Plastiken Barlachs, die 1926 entstandene Figurengruppe "Das Wiedersehen", die Begegnung von Thomas mit dem auferstandenen Christus dar. Bedeutend ist ferner die Serie der bekannten kleinen "Christusmasken" (Laur 475 - 485), deren erstes Modell deutlich selbstbildnishafte Züge trägt. Sie entstanden 1931 als plastische Studien zur Figur des vorliegenden "Lehrenden Christus".
Zeichnerisch hat sich Ernst Barlach allerdings in einigen Skizzen und Entwürfen der 1920er Jahre mit der stehenden Gestalt Christi und ihrer möglichen Ausformung auseinandergesetzt (vgl. etwa Schult Zeichnungen 1508, 1575, 2002). Eine Variante der Figur ("Lehrender mit abgewinkelten Armen" Schult Zeichnungen 1601) geht u.a. als Ideenskizze dem "Stehenden Christus mit abgewinkelten Armen" (Schult Zeichnungen 1873) und der Gestaltung des Kieler "Geistkämpfers" von 1928 voraus (Schult Zeichnungen 1879, s. Abb.).
Die schlichte Gewandfigur wie auch die abstrakte Stilisierung des Kopfes des "Lehrenden Christus" erinnert an die Überlieferungen abendländischer Kunst, an den strengen und jenseitig ausgerichteten Ausdruckscharakter religiöser und meditativer Andachtsbilder. Doch scheint ein anderes inhaltliches Moment hinzugekommen zu sein: die thronende Gestalt im "Lehrenden Christus" Ernst Barlachs erfährt eine Verlebendigung durch den offenen Gestus und die suggerierte Ansprache. Auf das Niveau des Betrachters heruntergeholt, sitzt sie wie predigend inmitten der Zuhörer. Der überzeitliche, transzendentale Charakter des Göttlichen erfährt eine Erweiterung und Ergänzung durch eine neue menschliche Nähe und Zuwendung, die die mystische Vorstellung einer Erlösung durch die Menschwerdung Gottes mit der Idee eines aufgeklärten, humanistischen Christentums verbindet:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
(Prolog des Johannes-Evangeliums, Joh. 1, 1)

Werkverzeichnis

474 Laur; Schult 373

Provenienz

Ehemals norddeutscher Privatbesitz (Auftragsguss)

Literaturhinweise

Ernst Barlach, Die Briefe II, 1925 - 1938, (hrsg. v. Friedrich Droß), München 1969, S. 868, S. 870; Carl Dietrich Carls, Ernst Barlach. Das plastische, graphische und dichterische Werk, Flensburg/Hamburg 1950 (5. Auflage), S. 77; Ernst Barlach, Ein selbsterzähltes Leben, München 1995, Abb. 8 (Gips getönt); Elmar Jansen (Hg.), Die Ernst Barlach Museen, Leipzig 1998, mit Farbabb. S. 54; Ausst. Kat. Ernst Barlach, Mystiker der Moderne, Hauptkirche St. Katharinen Hamburg, Ernst Barlach Gesellschaft, Hamburg 2003, S. 301

Ausstellung

Berlin/Düsseldorf 1931 (Galerie Alfred Flechtheim), Bronzen von Ernst Barlach, Kat. Nr. 22; Arnheim 1952 (Internationale Tentoonstelling Beeldhouwkunst), Kat. Nr. 11; Delft 1958 (Nieuwe Religieuze Kunst), Kat. Nr. 68; Antwerpen 1994/1995 (Koninklijk Museum voor Schone Kunsten), Ernst Barlach, Bildhauer, Zeichner, Graphiker, Schriftsteller 1870-1938, Kat. Nr. 191/I/373; Hamburg 1977 (Ernst Barlach Haus Hamburg, Stiftung Hermann F. Reemtsma), Ernst Barlach, Plastiken, Handzeichnungen und Autographen, Nr. 54

Lot 274 R

Schätzpreis:
60.000 € - 80.000 €

Ergebnis:
90.750 €