Auktion 997, Moderne Kunst, 22.05.2012, 00:00, Köln Lot 206

Hermann Stenner, Stilleben mit Tierfiguren und einem Buch (Hahn, Henne und Schachtel)

Hermann Stenner, Stilleben mit Tierfiguren und einem Buch (Hahn, Henne und Schachtel), 1913, Auktion 997 Moderne Kunst, Lot 206

Öl auf Malkarton 33,5 x 31,6 cm, gerahmt. Unbezeichnet. Rückseitig mit schwarzer Tinte kaum leserlich beschriftet "Stenner Stilleben 1913". - Rückseitig auf dem Rahmen mit Galerie- und Sammlungsaufklebern versehen, u.a. "Kunstsammlung Rolf Deyhle [...] 460". - Die Ränder etwas unregelmäßig geschnitten, unmittelbar am Oberrand mit einzelnen sehr kleinen Farbausbrüchen und Reißnagellöchern. - Der ehemals doppelseitig bemalte Karton, wohl gespalten, zeigte auf der anderen Seite vermutlich das "Blumenstilleben auf schwarzem Grund III (Anemonenstrauß)" (vgl. Hülsewig-Johnen 138; Gmelin 134 "Stiefmütterchenstrauß").

Hülsewig-Johnen/Reipschläger 139, mit ganzseitiger Farbabb.; Gmelin 135

Provenienz

Erich Stenner, Bielefeld; Galerie Schlichtenmaier, Grafenau; Sammlung Rolf Deyhle, Stuttgart; Sammlung Bunte; Privatsammlung Norddeutschland

Ausstellungen

Grafenau 1988 (Galerie Schlichtenmaier, Schloß Dätzingen), Hermann Stenner 1891-1914, Kat. Nr. 16, S. 16 mit Abb.; Hohenkarpfen 1989 (Kunststiftung Hohenkarpfen), Vom Anspruch der Farbe. Adolf Hölzel und seine Wirkung, Kat. Nr. 71 (mit rückseitigem Rahmenaufkleber); Wanderausstellung (Hamburg 1999, Hamburger Kunsthalle)/Solingen/Neu-Ulm/Halle/Berlin 2000/2001, Die Sammlung Hermann-Josef Bunte. Deutsche Malerei des XX. Jahrhunderts, außer Katalog; Aschaffenburg 2001 (Jesuitenkirche. Galerie der Stadt Aschaffenburg), "Zwischentöne". Sonderentwicklungen des Expressionismus in der Sammlung H.-J. Bunte (rückseitiger Rahmenaufkleber); Hohenkarpfen 2002 (Kunststiftung Hohenkarpfen), Stilleben südwestdeutscher Maler von 1900-1950, Kat.Nr. 28, S. 58, Abb. Nr. 42; Hohenkarpfen 2003 (Kunststiftung Hohenkarpfen), Hermann Stenner und der Hölzel-Kreis, Kat. Nr. 16, S. 79, Abb. 63; Ahlen 2007 (Kunstmuseum), Sammlung Bunte. Positionen der Moderne, Kat. Nr. 232, S. 232 mit Farbabb., S. 22 f. mit Farbabb.

Literatur

Christiane Reipschläger, Hermann Stenner - Maler der südwestdeutschen Avantgarde vor dem Ersten Weltkrieg, Dissertation der Freien Universität Berlin 2005, S. 116

Hermann Stenner war seit 1912 Meisterschüler von Adolf Hölzel an der Stuttgarter „Kgl. Akademie der Bildenden Künste“. In seiner Klasse waren auch Willi Baumeister und Oskar Schlemmer, unter dessen Ägide die drei Freunde im Mai 1913 eine kleine Avantgarde-Galerie in Stuttgart gründeten. Ihr Ziel war es nicht nur die eigenen Werke zu präsentieren, sondern vor allem brannten diese drei enthusiastischen und eigenwilligen Künstler darauf Zeichen zu setzen. Die Teilnahme an zahlreichen weiteren Gruppenausstellungen im Jahr 1913 zeugt von dem verblüffenden Erfolg, der dem erst 22-jährigen hochbegabten Künstler Hermann Stenner zuteil wurde. Ungeachtet seiner jungen Jahre gelang es ihm nicht nur zur expressionistischen Avantgarde zu gehören, sondern auch eine sehr eigene malerische Handschrift zu entwickeln. Trotz seiner tragisch kurzen Schaffenszeit ist sein Oeuvre neben dem der Protagonisten der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“ einzuordnen.

Das „Stilleben mit Hahn, Henne und Schachtel“ klingt sowohl an Figurenstillleben Noldes an, der gerne Stücke aus seiner eigenen Sammlung wie auch aus Museen abbildete, sowie an die volkstümlichen Arbeiten Kandinskys, der 1912 in München gemeinsam mit Marc den bedeutenden „Almanach Der Blaue Reiter“ herausgegeben hatte. Auch könnte man an Arbeiten Gabriele Münters denken, die häufig das Motiv der Tierfigur in ihren Stillleben verwendete. All diese Anklänge beweisen die intensive Auseinandersetzung des Künstlers mit zeitgenössischen malerischen und kunsttheoretischen Tendenzen.

Das Bild zeigt eine ausgewogene Komposition vor dunklem Hintergrund. Obschon es sich um ein Stillleben handelt, haftet den Figuren auf Grund der unterschiedlichen Positionierung sowie der dynamisch geschwungenen Formen das Moment der Bewegung an. Dabei ging es Stenner nicht um die Wiedergabe einer Szenerie oder einer Stimmung. Der Hauptakzent liegt vielmehr auf einem dominanten Farbklang und auf der Betonung einer eigenwertigen Farbgebung, unabhängig von gegenständlichen Vorgaben. Die Komposition ist jegliche Tiefenwirkung negierend flächenbetont. Zwar bleiben die Gegenstände identifizierbar, jedoch sind sie so weit reduziert, dass sie als autonom betrachtet werden können. Stenner orientierte sich wohl an den stärker flächig orientierten Bildprinzipien der Brücke-Künstler. Bezüglich der Farbgebung war er primär durch die Kompositions- und Farbenlehre seines geschätzten Lehrers Hölzel geprägt worden. Wir erkennen die Konzentration auf die drei Primärfarben Rot, Gelb und Blau sowie die beiden Sekundärfarben Rosa und Grün. Die Kontraste, die hier temperamentvoll, aber mit sicherem koloristischen Feingefühl vorgetragen sind, dienen der Steigerung der Bildwirkung.

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