Ernst Barlach - Der singende Mann

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Ernst Barlach

Der singende Mann
1928

Zink Höhe 49,9 cm Seitlich an der Stütze unterhalb des rechten Fußes signiert 'E Barlach.'. Posthumer Guss, 1940. Eines von vier bekannten Exemplaren in Zink. Giesserei Hemann Noack, Berlin. - Mit schöner zinkfarbener, materialbedingt leicht poröser Oberfläche. - Auf dem rechten Gesäß mit einem Einschussloch (ca. 3 x 4,3 cm) sowie einem kleineren, fachmännisch geschlossenen Einschussloch am linken Knie. Zwei fachmännisch eingesetzte originale Bronzeflicken zum Verschließen der Gusskanäle am rechten Knie und am Hinterkopf.

Der bislang unbekannte Zinkguss wurde vermutlich 1940 von Ernst Barlachs langjährigem Sekretär und Helfer Bernhard A. Böhmer bei der Bildgießerei Hermann Noack, Berlin, in Auftrag gegeben. Nach Barlachs Tod war Böhmer autorisiert von jedem, zum Bronzeguss freigegebenen Werk Barlachs ein Belegstück für seine Privatsammlung fertigen lassen (vgl. Volker Probst, Die Bronzen im Werk Ernst Barlachs, in: Ursel Berger, Klaus Gallwitz, Gottlieb Leinz (Hrsg.), Posthume Güsse. Bilanz und Perspektiven. Bd. 2 der Reihe Bildhauerei im 20. Jahrhundert, Berlin/München 2009, S. 110). Bislang kennen wir nur drei weitere Exemplare des "Singenden Mannes" in Zink, die sich in Museumsbesitz in Hamburg, Güstrow und Wuppertal befinden. Sämtliche Güsse, die sowohl von Barlach wie auch von Kollwitz während des Krieges bei Noack in Auftrag gegeben wurden, sind wegen der kriegsbedingten Verknappung von Metall, insbesondere von Gussmaterial, aus Zink, bzw. Zinklegierungen gefertigt (vgl. Annette Seeler, "Weil ich für ein großes Publikum arbeiten möchte". Zur Gusspraxis von Käthe Kollwitz und ihren Erben, in: Ursel Berger, Klaus Gallwitz, Gottlieb Leinz (Hrsg.), Posthume Güsse. Bilanz und Perspektiven. Bd. 2 der Reihe Bildhauerei im 20. Jahrhundert, Berlin/München 2009, S. 132). Das damals bereits existierende Barlach-Gremium empfand das Ausweichen auf das neue Material als durchaus befriedigend (vgl. Volker Probst, Die Bronzen im Werk Ernst Barlachs, dito, S. 114). Somit wurden während des Zweiten Weltkrieges von insgesamt elf Werken Barlachs Exemplare in Zink gegossen.
Interessant ist die unterschiedliche Ästhetik eines Zinkgusses, da seine Patina etwas matter, kühler, architektonischer wirkt als dies bei einer Bronze der Fall ist.
Der "Singende Mann" zählt mit seiner außergewöhnlich schönen, geöffneten Körperhaltung und dem hingebungsvollen Ausdruck zu den Inkunabeln deutscher Plastik und innerhalb Barlachs Oeuvre zu seinen Meisterwerken. Innerlich und äußerlich bewegt wird die Intensität des Gefühls sichtbar gemacht. Der Singende scheint trotz der Heiterkeit, die er ausstrahlt, auf seinen Gesang konzentriert.
Ob und auf welche Weise es während des Krieges zu den beiden "Schussverletzungen" kam, ist ungeklärt. Sie belegen auf jeden Fall eine interessante und bewegte Historie dieses schönen und authentischen Stückes, so dass bis dato von einer Restaurierung abgesehen wurde.

Werkverzeichnis

Laur 432.3; Schult I 343

Zertifikat

Mit einer Bestätigung von Ernst Barlach, Ratzeburg, vom 11.8.2015. Wir danken Hermann Noack sen. und Hermann Noack jun., Giesserei Noack Berlin, für bestätigende Auskünfte zur Authentizität des Gusses.

Provenienz

Bernhard A. Böhmer; vom Vorbesitzer in den 1970er Jahren in Ostdeutschland erworben (Mark Brandenburg), seitdem in norddeutschem Familienbesitz

Literaturhinweise

u.a.: Ernst Barlach, Ein selbsterzähltes Leben, 1928, Tafel 69; Carl Dietrich Carls, Ernst Barlach. Das plastische, graphische und dichterische Werk, Berlin 1931, S. 45 mit Abb. bzw. Berlin 1950 S. 61 mit Abb.; Friedrich Schult (Hrsg.), Ernst Barlach. Sechsundvierzig Bilder. Potsdam 1950, Tafel 40; Anita Beloubek-Hammer, Ernst Barlach, Plastische Meisterwerke, Leipzig 1996, S. 116. f.; Helga Thieme, Ernst Barlachs Skulptur "Der singende Mann" in der Ausstellung "Neue deutsche Kunst", Oslo 1932, in: Ausst. Kat. Kunsthalle Rostock, Ernst Barlach, Artist of the North, Hamburg/Güstrow 1998, S. 310 ff.; Eva Caspers, Der singende Mann, in: Ernst Barlach Haus Hamburg, München 2000, S. 93 ff. mit Farbabb. S. 94/95.

Ausstellung

u.a.: Berlin/Düsseldorf 1930 (Galerie Flechtheim), Bronzen von Ernst Barlach, Kat. Nr. 19; Dresden 1931 (Galerie Ernst Arnold), Bronzen von Ernst Barlach; New York 1931 (Museum of Modern Art); Oslo/Kopenhagen/Köln 1932, Nyere Tysk Kunst, Kat. Nr. 6; New York 1939 (Museum of Modern Art), Art in Our Time; Hamburg 1977 (Ernst Barlach Haus), Stiftung Hermann F. Reemtsma, Plastiken, Handzeichnungen und Autographen, Kat. Nr. 53; Antwerpen 1994/1995 (Koninklijk Museum voor Schone Kunsten), Ernst Barlach, Kat. Nr. 187 mit Abb.; Bergen/Güstrow 2000 (Bergen Kunstmuseum/Ernst Barlach Stiftung Güstrow), Ernst Barlach, Ein Graphiker und Bildhauer des deutschen Expressionismus, Nr. 92

Lot 266 Dα

Schätzpreis:
70.000 € - 90.000 €

Ergebnis:
62.000 €