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Auktion 990, Moderne Kunst, 02.12.2011, 00:00, Köln Lot 230

Max Beckmann, Löwenbändiger (Zirkus)

Max Beckmann, Löwenbändiger (Zirkus), 1930, Auktion 990 Moderne Kunst, Lot 230
Max Beckmann, Löwenbändiger (Zirkus), 1930, Auktion 990 Moderne Kunst, Lot 230
Max Beckmann, Löwenbändiger (Zirkus), 1930, Auktion 990 Moderne Kunst, Lot 230
Max Beckmann, Löwenbändiger (Zirkus), 1930, Auktion 990 Moderne Kunst, Lot 230

Gouache und Pastell auf Velin 90 x 59,3 cm, unter Glas gerahmt. Unten rechts mit Kohle schwer leserlich in Sütterlinschrift signiert und datiert Beckmann F. 30. - Rückseitig auf dem Unterlagekarton zweifach mit dem Adress-Stempel "DR. H. GURLITT DÜSSELDORF Mannesmann-Ufer 9 Ruf 28031 Büro 12478" und einem roten deutschen Zollstempel versehen. Mit teils abgerissenen gedruckten und handschriftlich komplettierten Ausstellungs- und Galerie-Etiketten versehen. - Sehr farbfrisch erhalten; altersbedingte Mängel, wie 2 Einrisse am linken Seitenrand, wurden fachmännisch restauriert.

Mayen Beckmann/Gohr/Hollein 47, mit ganzseitiger Farbabb. S. 137 (hier 97 x 64 cm), Verbleib unbekannt

Provenienz

Galerie Alfred Flechtheim, Berlin (1931, mit rückseitigen Etikettresten); Dr. Hildebrand Gurlitt, Düsseldorf (1934); Helene Gurlitt, München (1967), seitdem Familienbesitz Süddeutschland

Ausstellungen

Basel 1930 (Kunsthalle), Max Beckmann, Kat. Nr. 116, S. 14; Zürich 1930 (Kunsthaus), Max Beckmann, Kat. Nr. 93, S. 9; Dresden 1930 (Galerie Neue Kunst Fides), Max Beckmann - Gemälde und Zeichnungen aus den Jahren 1906-30 (ohne Kat.); Berlin 1931 (Preußische Akademie der Künste), Frühjahrsausstellung, Kat. Nr. 39, S. 4; Hannover 1931 (Kestner-Gesellschaft), Max Beckmann - Gemälde und Graphik 1906-30, Kat. Nr. 37; Chicago 1932 (The Art Institute), Twelfth International Exhibition of Water Colors and Monotypes, außer Kat. (Karteikarte B. Göpel), (mit rückseitigen Aufklebern); Kassel/Madgeburg 1933 (Kunstverein im Orangerieschloss/Kunstverein), Deutscher Künstlerbund - Erste Ausstellung. Aquarelle Zeichnungen Bildhauerwerke, Kat. Nr. 11 (Titel: Zirkus); Kiel 1951 (Kunsthalle), Deutsche Malerei des 20. Jahrhunderts, Kat. Nr. 13 (Titel: Dompteur); Luzern 1953 (Kunstmuseum), Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Kat. Nr. 242, S. 48; München 1954 (Max Beckmann Gesellschaft-Staatl. Graphische Sammlung), Max Beckmann - Zeichnungen und Aquarelle, ohne Kat.; USA 1956 (American Federation of Arts), Wanderausstellung: German Watercolors, Drawings and Prints, 1950-55. A Mid-Century Review with Loans from German Museums and Galleries and from the Collection Dr. H. Gurlitt Düsseldorf, Kat. Nr. 12

Literatur

Will Grohmann, Max Beckmann - Sonderausstellung in der "Fides", in: Dresdner Volkszeitung 4.11.1930; Carl Einstein, Die Kunst des 20. Jahrhunderts, Propyläen-Kunstgeschichte, Bd. 16, Berlin 1931, S. 496 f, Farbabb. Tf. XXVI; sowie Neuaufl. Berlin 1996, S. 320 f, Farbabb. Tf. XXVI; Cigaretten-Bilderdienst (Hg.), Moderne Malerei. Vom Impressionismus bis zur Gegenwart, Altona-Bahrenfeld 1933, mit Farbabb. 134; Erhard Göpel, Max Beckmann und Frankfurt, in: Deutscher Künstlerbund, Vierte Ausstellung, Frankfurt a. M. 1954 , S. 14; Erhard Göpel, Der Zeichner Max Beckmann, in: Kunstchronik, 7. Jg., 1954, Heft 4, S. 91; Das Kunstwerk, Zeitschrift für moderne Kunst, 9. Jg., 1955/1956, Heft 4, S. 18 mit Abb.; Fritz Erpel, Max Beckmann - Leben im Werk. Die Selbstbildnisse, Berlin/München 1985, Nr. 135/A, Abb. 136, S. 53 f, 338; Klaus Gallwitz u. a. (Hg.), Max Beckmann Briefe, 3 Bd., II, München/Zürich 1994, S. 140, Anm. zu 567 u. 568 (St. von Wiese); Felix Billeter, Max Beckmann und Günther Franke, München 2000, S. 24; Thomas Döring, Hinter den Spiegeln - Zu Max Beckmanns Selbstbildnissen auf Papier, 1925 bis 1950, in: München/Braunschweig 2000/2001 (Neue Pinakothek/Herzog-Anton-Ulrich-Museum), Max Beckmann - Selbstbildnisse. Zeichnung und Druckgraphik, S. 49, Abb. 8, 75 (Anm. 27)

„Max ging gern in den Zirkus und ins Varieté“, erinnert sich Mathilde Beckmann, gen. Quappi, „wir haben viele Vorstellungen besucht, in Frankfurt wie in den meisten anderen Städten, in denen wir gelebt haben. Er war besonders von den bunt kostümierten Zirkusleuten beeindruckt. Die Geschicklichkeit, mit der sie bei den schwierigsten Nummern Balance hielten, machte die Akrobaten für ihn zu einer Art von höheren sich im Raum bewegenden Wesen.“ (Mathilde Q. Beckmann, Mein Leben mit Max Beckmann, München/Zürich 1985, S. 17)

Die vorliegende Arbeit zeigt eine Dressurnummer. Vor der dunklen Folie des Zuschauerraums - die Gefahr für die Besucher gebannt durch eine Reihe von silbern weißer Gitterstäbe - ist das Geschehen hell beleuchtet und fokussiert auf den Dompteur mit zwei Tieren. Groß ansichtig und formatfüllend ist die Szene nah an den Betrachter gerückt und in starker satter Farbigkeit gegeben. Vollkommen gebändigt liegt ein Tiger bereits zu Boden, mit roter Zunge hechelnd und gebleckten Zähnen. Der Dressurakt ist in der Vollendung begriffen, und auf einem Hocker sitzend ragt hoch der lange mächtige Körper eines männlichen Löwen. Seine beinahe bittstellerische, possierliche Haltung steht in Kontrast zur löweneigenen wilden, königlichen Natur im Allgemeinen und wirkt in der Widernatürlichkeit der Pose beinahe erheiternd. Doch sie verdeutlicht klar, wem in dieser Manege Macht und Potenz zukommen - und seien sie mittels eines Bajonetts forciert. Gar nicht schutzlos wirkend, präsentiert der Löwenbändiger seinen qua orientalisierender Pluderhose und Kopfputz gerechtfertigten unbekleideten Oberkörper und gibt so dem Zuschauer Gelegenheit sein Muskelspiel zu bewundern. Mittels weniger Pinselschwünge ist hier in der auch für die späteren Arbeiten typischen Manier Beckmanns ausdruckstark und verknappt menschliche Physis charakterisiert und zeigt zugleich seine Kenntnis antiker Plastik - zu verweisen wäre hier auf den berühmten Torso Belvedere aus dem Vatikan, der sich in der Abgußsammlung jeder besseren Akademie findet. Interessanterweise wird in der kunsthistorischen Literatur das hier abgewandt verschattete, bzw. dunkel geschminkte menschliche Antlitz als Selbstporträt Beckmanns interpretiert (s. z.B. Erpel 1985, op.cit., S. 136 f.). So wird neben der anekdotischen Zirkusszene die zweite metaphorisch zu deutende Sinnebene in dem spannungsreich oszillierenden Kräftespiel von Ohnmacht und Macht, welches sich plötzlich und jederzeit umkehren kann, deutlich. Beckmanns Freund und Biograph Erhard Göpel beschreibt die vorliegende Arbeit als „Dompteur, der seinen eigenen Dämon bändigt“ (Göpel 1954, op. cit., unpag. (S. 14)).

In einem um den Verkauf des Beckmann-Gemäldes „Holzfäller“ (Göpel 349 „Holzsäger im Wald“ ?) in der Pariser Ausstellung 1931 entbrannten Streit, entschädigte der Maler seinen Galeristen Alfred Flechtheim für den entgangenen Verdienst und überließ ihm u.a. die vorliegende Gouache „Löwenbändiger“ (s. Billeter 2000, S. 23 f.). Die Bedeutung, die dem Blatt schon in der zeitgenössischen Kunstszene beigemessen wurde, wird deutlich durch die bereits ein Jahr auf die Entstehung folgende Publikation mit einer ganzseitigen Farbabbildung in Carl Einsteins Standardwerk zur Kunst des XX. Jahrhunderts und der Ausleihe für die große internationale Ausstellung in Chicago (Einstein 1931, op. cit.). Die bislang verschollen geglaubte Arbeit kam früh in den Besitz des ehemaligen Direktors des Zwickauer Museums, Dr. Hildebrand Gurlitt. Er hatte sich dort für die Malerei der deutschen Avantgarde stark gemacht und war frühzeitig von den Nationalsozialisten aus dem Amt entlassen worden, hatte später aber verschiedene Positionen bei Kunstvereinen und Museen inne und war auch wie sein Cousin Wolfgang Gurlitt händlerisch tätig.

Eine Einigung mit dem Nachlass nach Alfred Flechtheim vom 30.11.2011 liegt vor. Restitutionsforderungen sind damit abgegolten.