Auktion 972, Moderne Kunst, 03.12.2010, 00:00, Köln Lot 25

Paul Klee, Bewachte Tiere, 1930, 60 (O 10)

Paul Klee, Bewachte Tiere, 1930, 60 (O 10), 1930, Auktion 972 Moderne Kunst, Lot 25

Kleisterfarben auf Ingresbütten 47,1 x 61,3 cm, vom Künstler auf Karton 49,4 x 61,5 aufgezogen, unter Glas gerahmt. Am rechten Rand unten in der Darstellung schwarz mit Tuschfeder signiert Klee sowie auf dem Karton unten links datiert, mit der Werknummer 1930 O. 10 versehen und rechts betitelt bewachte Tiere. - Der Karton im Rand alt beschnitten; die Unterlage im ehemaligen Passepartout-Ausschnitt leicht gebräunt mit schwachem Lichtrand; die linken Ecken des Kartons oben und unten angestückt.

Cat. Rais. Paul Klee 5176 mit Farbabb. S. 438

Provenienz

Otto Ralfs, Braunschweig (ab 1930); Heinrich und Antonie Kirchhoff, Wiesbaden (bis 1934); Süddeutscher Privatbesitz

Klee beschreibt im eigenen Oeuvre-Verzeichnis das Stück als gr Aquarell dh. pastose Kleisterfarben mit d. Messer verarbeitet deutsch. Ingres, Aquarell.

Klee pflegte in seinen Werknotizen die verwandten Techniken und Bildgründe genau zu bezeichnen. Sie spiegeln die - fast wissenschaftliche - Sorgfalt in der systematischen wie analytischen Beschreibung der Malexperimente, die einen Kontrapunkt abgeben zu der Fabulierlust der Kompositionen und zu den erfindungsreichen Titelgebungen. In der vorliegenden Arbeit ermöglicht die weitergehende Verwendung und Vermalung von „Kleisterfarben“ eine feinere Spachteltechnik. Diese Malvariante bildet reliefhafte Stukturen durch Druck und Vertiefungen in der Grundierung wie auch durch Stegbildungen des Farbmaterials, das in Lagen, teils verdichtet und deckend, teils dünn und transparent, übereinander aufgetragen und verstrichen wird. Die Verselbständigung der Mittel erinnert hier stark an Tendenzen expressiver Abstraktion in den späten 1940er und 1950er Jahren.

Klee setzt nun diesem abstrakten Bildgrund aber typischerweise Figuren ein. Es kommt zu einer situativen Tierbegegnung zwischen zwei urtümlichen „Herdentieren“, die wie ängstlich zusammengekauert in der feucht spiegelnden Sumpflandschaft stehen und einem kleinen, beweglicheren „Wächter“, der, offensichtlich darüber spazierend, einen besseren Überblick bewahrt (in welchem Sinne, ob gut, ob schlecht, bleibt durchaus unbestimmt). Die einen sind zwar die Kräftigeren, sie bleiben jedoch geduckt und erdverbunden. Das luftige, einfache Piktogramm des „Wächters“ scheint ihnen überlegen, es ist der Frische des Blau zugeordnet. Die zusammengedrängten Tiere erinnern an Yaks, an Widder oder Elephanten, es sind phantastische Kompositgestalten der Fauna, die Klee spielerisch verwandelt hat (vgl. „Tier-Kreuzungen“, 1929, Federzeichnung, Cat. Rais. Paul Klee 5057).

Die Identifikation des menschlichen Betrachters mit den Tieren ist sicher beabsichtigt. Wie bei der literarischen Fabel - von der Antike bis zu George Orwells 1945 erschienener "Animal Farm" - werden Lebensverhältnisse und menschliche Verhaltensmuster angedeutet.

Die Komposition „Bewachte Tiere“ gehörte zunächst offenbar zum Klee-Konvolut des Braunschweiger Sammlers Otto Ralf (1892-1955). Im April 1930 hatte er in Berlin im Kronprinzenpalais seine Klee-Sammlung ausgestellt. Das Werk wechselte dann in den Besitz des nicht minder berühmten Wiesbadener Sammlers Heinrich Kirchhoff (1874-1934). In diesen Jahren wurden eine "Reihe von wichtigen Sammlern [...] auf Klee aufmerksam. Zwar blieb sein Hauptaugenmerk auf Deutschland gerichtet und damit auf die Privatsammler, die ihn grösstenteils im Rahmen der von Otto Ralfs gegründeten Klee-Gesellschaft unterstützten, bzw. auf einige progressive Museen, die vereinzelt Werke von Klee ankauften, aber gleichzeitig internationalisierte sich auch die Sammlerbasis von Klee durch die Vertretung in den USA durch Galka Scheyer und dank dem Interesse von Katherine Dreyer in New York. Diese Beziehungen zu einflussreichen Sammlern und wichtige Klee-Ausstellungen im In- und Ausland (1930 im Museum of Modern Art, New York; in der Galerie Flechtheim, Berlin und Düsseldorf; in der Nationalgalerie Berlin, Sammlung Otto Ralfs) stehen, in prekärer zeitlicher Übereinstimmung mit der Zuspitzung der politischen und wirtschaftlichen Krise um 1930, am Beginn des internationalen Erfolges von Paul Klee.“ (Josef Helfenstein, Paul Klee, Cat. Rais. Bd. 5, 1927-1930, Bern 2001, S. 11)

Lot 25 der Abendauktion am 3. Dez. 2010, 19 Uhr

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