Fragen an Nicola Staeglich

21.03.2017

Bereits mit 14 war der Künstlerin klar: sie möchte Malerei studieren. Einige Fragen an die Künstlerin Nicola Staeglich.

Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

ns: Ich bin mit Kunst aufgewachsen. Meine Mutter ist Bildhauerin. Als Kind konnte ich den schöpferischen Prozess beobachten, das Ringen, das Scheitern und das besondere Glück, etwas zu kreieren. Wir waren viel in Ausstellungen. Das Ludwig Museum in Köln ist mir in besonderer Erinnerung, der gigantische brush stroke von Roy Lichtenstein und die Sammlung der klassischen Moderne. Skulpturen waren so natürlicher Bestandteil meiner Umgebung und Wahrnehmung, aber meinen emotionalen Zugang und mein Talent habe ich woanders gefunden: bei der Farbe. Mit vierzehn war mein Wunsch, Malerei zu studieren, klar.

Wie sehr sind Ihre Arbeiten durch Ihre Lehrer bzw. Ihr Umfeld geprägt?

ns: Zu Studienbeginn habe ich im Atelier Räume gemalt und bin nach draußen gegangen, um Landschaften zu malen. Die Arbeiten durchliefen einen Abstraktionsprozess. In der Klasse von Friedemann Hahn war ich jedoch die Einzige, die abstrakt gearbeitet hat, wobei der Bezug zu Landschaftsräumen blieb. Parallel habe ich bei Raimer Jochims an der Städelschule studiert. Bei ihm bin ich durch eine Schule des Sehens gegangen. Die intensive Betrachtung der Arbeiten bei den Klassengesprächen gepaart mit dem Wissen aus Kunstgeschichte und Philosophie haben mich sicher geprägt. Mein letztes Studienjahr in London, wo ich ein MA absolviert habe, war für meine Entwicklung sehr wichtig. Die virulente Szene der Young British Artists, die gerade in der Sensation Show präsentiert wurde und Proteste auslöste, die Möglichkeit, vom Chelsea College einen kurzen Stopp in der National Gallery zu machen, um die Badenden von Cézanne anzuschauen sowie die zahlreichen Artists Talks von Jessica Stockholder u.a. waren für mich absolut inspirierend. Es war ein sehr internationales Umfeld. Bei all dem war es mir wichtig, an den Diskussionen aber auch an Widerständen zu wachsen und dabei auf die eigene Stimme zu hören. Es ist dieses schlafwandlerische Moment, das man auch Intuition nennen könnte. Das möchte ich auch jetzt als Professorin weitergeben.

Mit vierzehn war mein Wunsch, Malerei zu studieren, klar.

Welche Künstler und/oder Kunstwerke haben Sie geprägt oder beeindruckt?

ns: Es gibt Künstler, die immer bleiben und andere, die mich nur eine Zeit lang begleitet haben. Henri Matisse ist der erste Maler, der immer bleiben wird, sein Umgang mit Farbe, aber auch die Lässigkeit, mit der er seine papier coupé setzt, ist in meinen Augen einzigartig. Hans Arp liebe ich für seinen Humor und die organisch abstrakten Formen ... dann natürlich die Malerei von Mark Rothko. Bei Ellsworth Kelly interessiert mich besonders sein Transfer von Gesehenem in reduzierte Formen. Eine Wegbegleiterin ist auch Mary Heilmann, deren wilde Mischung aus dem Minimal und Expressiven, Persönlichem mir vertraut ist.

Wie würden Sie die Kunst, die Sie machen, beschreiben?

ns: Ich komme aus der Farbmalerei. Die Zeitlichkeit der Pinselstriche und das Fließen der Farbe in der Bildfläche sowie die Öffnung des transparenten Bildraumes sind für meine Malerei charakteristisch. In meinem ersten Katalog habe ich einen Text geschrieben, der mit dem Satz beginnt: Ich spreche Farbe.

Damals hat mich das Zeichensystem des I Ging interessiert, das auf acht Grundelementen basiert wie u. a. Feuer, Erde, Wasser. Die Zeichen sind aus durchgezogenen Linien und durchbrochenen Linien aufgebaut, den sogenannten Trigrammen und Hexagrammen. Aus der Verbindung einer scheinbar abstrakten Komposition des Zeichens mit der „sprechenden“ Farbe sind Malereien entstanden, die hier abgebildet sind. Farbe ist auch heute für mich nie formal, sondern unmittelbar, assoziativ, manchmal sogar narrativ und im Raum körperlich erfahrbar.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben? Was zeichnet Ihre Kunst aus?

ns: Ich arbeite mit einem gattungsübergreifenden Malereibegriff. Im Kern ist die Farbe aber die Öffnung des Raumes im Bild. Sie hat mich schon früh zur Auseinandersetzung mit dem Realraum geführt. Daraus resultierten Kombinationen aus Wandmalerei und Bild. In den letzten Jahren habe ich mich mit Bildobjekten und stehenden wie hängenden Objekten auseinandergesetzt. Den Bogen zu spannen aus der Farbe und von der Fläche in den Raum und wieder in die Fläche, den Betrachter dort mitten hineinzustellen, ist mein Anliegen.

Besondere Resonanz empfinde ich bei leeren und weiten Landschaften.

Wo finden Sie Inspiration?

ns: Das Gedächtnis wurde von den Griechen mit einem Wachsblock verglichen, in den sich das Erlebte einprägt. Manchmal reichen ein Stück Himmel, ein Lichteinfall, der Körper oder Architektur für eine Idee. Ich bin bis zu meinem siebten Lebensjahr in Städten aufgewachsen, dann im Mittelgebirge und seit dem Studium wieder fast ausschließlich in Städten, vor allem

Berlin. Es gibt einen Teil in mir der automatisch die Beschaffenheit der Horizontlinie abscannt, die Luftschichten und Wolkenbildungen. Besondere Resonanz empfinde ich bei leeren und weiten Landschaften: So war der einjährige Aufenthalt in Los Angeles mit den Reisen durch Arizona, Utah und New Mexico sehr einprägsam. Für mich ist das Bild ein Ort, an dem diese Dinge aufscheinen können aber den ich selber nur ahnungsweise kenne und immer neu suchen muss.

Aus welchen Gründen wählen Sie die Technik mit der Sie arbeiten? Sehen Sie für sich bestimmte Vorteile des Mediums bzw. wie definieren sich Ihre Arbeitsschritte?

ns: Die Wahl der Technik oder des Mediums ist unmittelbar mit dem verbunden, was mich umtreibt. Meist führen mich ein Medium und spezifisches Interesse wieder zu einem neuen Medium. In Los Angeles habe ich ein neues bildnerisches Element entwickelt, nämlich Farbe gießen. So konnte ich den Zufall und Prozesse der Autopoiesis stärker mit einbeziehen, und das Malen bestand aus klaren Entscheidungen und Kontrollverlust. Die Leinwand einem Prozess der Erosion und Ablagerung auszusetzen, hatte eine visuelle Referenz in den Canyons. Gleichzeitig interessierten mich die Leerstellen und Spalten der Steinformationen. Dies führte mich zunächst zu Collagen und schließlich zum Bildobjekt. Für mich ist in der Fläche bereits die Möglichkeit zur Dreidimensionalität enthalten. Im Relief wird das Bild als Ort physisch und erhält eine eigene Topographie, indem der Bildträger zerlegt und wieder neu zusammengesetzt wird. Licht und geworfene Schatten werden aktive Bestandteile der Komposition. Die Skulpturen lösen dieses Thema von der Wand und befreien es in den dreidimensionalen Raum.

Die Wahl der Technik oder des Mediums ist unmittelbar mit dem verbunden, was mich umtreibt.

Wie sieht Ihre Ateliersituation aus?

ns: Berlin leidet unter der Gentrifizierung: Wie seit den 1990iger Jahren in London ziehen jetzt die Künstler in Berlin immer weiter nach draußen. Nachdem ich mein letztes Atelier in einer Fabriketage im Wedding verloren habe, galt es zu handeln. Nun bin ich gerade in meine ganz frisch erworbene Gewerbeeinheit gezogen mit vier Meter hohen Decken im nördlichen Prenzlauer Berg. Die letzten Kisten sind ausgepackt, der Maltisch eingerichtet, Farben erstmals sortiert und es kann losgehen.

Welche war für Sie die wichtigste Ausstellung 2016?

ns: Ich habe die Joan Mitchell Retrospektive im Museum Ludwig und Agnes Martin in der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen Düsseldorf an einem Tag gesehen. Das war etwas, was bleibt, auch gerade in den unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen.

Welches war das erste Kunstwerk, das Sie verkauft haben?

ns: Ein kleines Bild, das vom Innenhof der Fondation Maeght inspiriert war und einen von Wänden umschlossenen Raum zeigt, in dem Bäume stehen. Es ist ein nächtlicher blauer Farbraum, der aus reduzierten Flächen besteht: die Kiefern werden zu Vertikalen, durch die Schatten der Bäume wirkt das Bild leicht surreal. Das Bild kaufte der Leiter einer Städtischen Galerie aus Baden-Württemberg während meiner Studienzeit.

Sammeln Sie selber Kunst? Welches war das erste Kunstwerk, das Sie gekauft haben?

ns: Eine Arbeit von Gregor Hildebrandt, mit dem ich zusammen studiert habe, 2002 im Projektraum WBD in Berlin. Kurz darauf folgten zwei wunderbare Neonkreise von Rupprecht Geiger und eine Grafik von Mary Heilmann.

Stehen Ausstellungen oder Projekte für dieses oder nächstes Jahr an?

ns: Es stehen Einzelausstellungen bei der Galerie FeldbuschWiesner Rudolph in Berlin und im SNO contemporary art projects Sydney an sowie Gruppenausstellungen u.a. im Gelsenkirchener Kunstverein und Kunstverein Duisburg.

Woran arbeiten Sie im Moment?

ns: Ich arbeite an den Transparencies, eine Werkgruppe, die mich schon lange beschäftigt. Diese Arbeiten – Ölfarbe auf Acrylglas, eine Art Hinterglasmalerei – sind Malerei und Lichtskulptur zugleich. Das Acrylglas als Scheibe oder als Körper wird mit Abstand zur Wand montiert. Zwischen gesetzten breiten Pinselbahnen, gesprayten Flächen auf dem Acrylglas und ihren farbigen Schatten auf der Wand spannt sich ein Bildraum aus Licht. Die sich durchdringenden Farbflächen und Schatten evozieren ein Davor und Dahinter das auf dem transparenten Träger als schwebende Farbe erscheint. Die Bildkomposition und das Glas deuten auf das Bild als Fenster, das den Blick freigibt und gleichzeitig verschließt. Die spiegelnde Oberfläche des Glases thematisiert dabei sowohl den Einblick in den Bildraum als auch den Raum des Betrachters, der über die Reflexion einbezogen ist. Zusätzlich plane ich in Kooperation mit einem Unternehmen meine erste Skulptur für den Außenbereich.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

ns: Spannende Frage!

lempertz:projects

Die Werke von Nicola Staeglich werden im Rahmen unserer Auktion lempertz:projects versteigert.

lempertz:projects ist ein neues Auktionsformat; 2017 wird es zum ersten Mal stattfinden und als Sonderauktion unser diesjähriges Auktionsangebot zeitgenössischer Kunst verstärken.

Auktion

Lempertz Köln

Freitag 31. März 2017
Auktion 1088
18 Uhr
Lot 1 – 143

Vorbesichtigung

Lempertz Köln

Donnerstag 23. – Freitag 24. März
10 – 13 Uhr und 14 – 17:30 Uhr
Samstag 25. März
10 – 16 Uhr
Montag 27. – Donnerstag 30. März
10 – 13 Uhr und 14 –17:30 Uhr
Freitag 31. März
10 – 13 Uhr

Katalog

Katalog 1088 als PDF

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